Stonehenge

“Nutzt all eure Kraft, Männer, und ihr werdet bald feststellen, daß ihr diese Steine nicht mit den Sehnen, sondern mit Wissen bewegen werdet.”
Merlin in Geoffrey of Monmouth’s History of the Kings of Britain, (Broadview Press, 2008), S. 150-53

Im Herbst 2006 fuhr ich im Zuge eines Treffens mit vier anderen zum neolithischen Stonehenge im englischen Wiltshire.
Stonehenge ist nicht ganz uninteressant, steht es doch im ältesten überlieferten Text mit Merlin und Riesen (ref. „The Giants‘ Dance“/“The Giants‘ Ring“) in Zusammenhang. Sollte auch Stonehenge selbst nicht von Riesen erbaut worden sein, so sind zum einen diese kulturellen Überlappungen jedoch, wie sie auch bei Grimms Märchen und auf der ganzen Welt vorkommen, von kulturhistorischer Bedeutung. Zum anderen strahlen Bauwerke alter Zeiten mit ungeklärter Herkunft immer eine Faszination auf spätere Menschengenerationen aus, weil sie daran erinnern, wie ungeklärt der menschliche Ursprung im Grunde genommen ist und wie kurz der historische Blick in die Vergangenheit reicht. Außerdem können wir in ihren Bauweisen, Formen und überlieferten Baugeschichten einen Einblick in Vergangenheitsabläufe erhaschen, deren Sichtbarkeit ansonsten weitestgehend verwehrt ist.

Geoffrey of Monmouths (ca. 1100-1154) Geschichte über den „Tanz der Riesen“ oder „Ring der Riesen“ beschreibt, die Steine von Stonehenge seien einst von Merlins Britanniern von Irland nach Salisbury, zuvor aber bereits von Riesen von Afrika zum Mount Killaraus in Irland gebracht worden, wo diese Riesen einst gesiedelt hätten. Merlin habe zu seiner Zeit die Britannier gedrängt, die Steine deswegen nach Salisbury zu schaffen, da diese magisch seien und heilende Qualitäten besäßen. So hätten die Riesen in dem Wasser, mit dem sie die Steine gewaschen hätten, gebadet und auf diese Weise körperliche Prozesse durch medizinische Qualitäten beeinflußt. Würden die Britannier also diesen Ring in ihr Gebiet bringen, dann gingen jene Qualitäten, die bereits die Riesen an diesen Steinen gefunden hätten, auf sie über. Die Britannier legten sich also in Monmouths Geschichte auf Merlins Geheiß mit den Leuten von Irland an, bekriegten diese mit Uther Pendragon erfolgreich und holten die Megalithen dann nach Salisbury.
Es liest sich zunächst wie eine Geschichte. Was aber auffällt, ist der Aspekt der Wanderung und der Gebietserschließung der Riesen, von Afrika nach Irland. Vermutlich ist in dieser Geschichte einerseits ein Aspekt der Völkerwanderungen sichtbar, andererseits ein Aspekt der Übertragung von Riten unterschiedlicher Siedler mit unterschiedlicher Herkunft. Ganz in der Tradition der Märchen und Sagen wird hier also eine lokale Begebenheit mit einem vorgeschichtlichen Aspekt vernetzt, der sich in die Gegend hineinsouffliert hat und selbstverständlich einen wahren Hintergrund hat. Jahrtausende alte Geschichte wird auf diese Weise in die Gegenwart Monmouths hinein ineinandergeschachtelt, was den Eindruck erwecken könnte, als bündele es sich alles an diesem einen Ort. Der surreale Effekt des Märchens ist durch dieses Zentrieren von Raum und Zeit eigentlich unterschiedlichster Entwicklungsstufen, die jetzt wie eines erscheinen, erreicht: Vergangenheit wird zur fiktiven Gegenwart, und die eigentliche Gegenwart wahrer Vergangenheiten gibt es quasi nicht mehr – jedenfalls nicht mehr offensichtlich. Diese Bündelung existiert zwar wortwörtlich nicht, auf andere Weise weist die Quelle aber dennoch auf das Wollknäuel hin, dessen langen Faden es hier zu entrollen – und auch entknoten – gilt, um an die wahren historischen Hintergründe anknüpfen zu können.

Fortsetzung folgt…

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