„Rauch der Welt“ – Kwakwaka’wakw

Im April 2006 unternahm ich eine spontane dreiwöchige Reise ins Gebiet der Kwakiutl auf Vancouver Island in Kanada (kanata), um eine Autorin bei einem Projekt zu unterstützen. Die ganze Sache wurde dabei so schnell organisiert, daß ich kaum Zeit hatte, mich mit dem Bestimmungsort, die Gegend um Victoria, British Columbia, kulturell auseinanderzusetzen und wirklich zu überlegen, wo es überhaupt hinging.

Vor Ort war ich dementsprechend kulturell überfordert, da auch meine sich rührend kümmernden Gastgeber mich nicht wirklich in die tieferen Kulturelemente einführen konnten, und ich versuchte, diese Überforderung mit so großer Offenheit wie möglich und fotografischem Eifer auszugleichen. Dafür bin ich mir heute sehr dankbar, denn so entdecke ich mit den Jahren anhand der Fotos und Erinnerungen immer noch Sachverhalte, die sich mir kontinuierlich über den Weg meiner langjährigen kulturellen Studien erschließen.

Mount Work Highlands Summit Ausblick

DIE KWAKIUTL

Die kanadischen „Natives“ werden gemeinhin als ‚First Nation‘ bezeichnet, da sie den nordamerikanischen Kontinent bekanntermaßen vor den Europäern besiedelten. So gehören auch die Kwakiutl zur First Nation, also zu den Ureinwohnern Kanadas. Doch wenn man sich die kulturellen Merkmale ihrer Traditionen ansieht, dann fragt man sich, wie auch bei anderen ‚First Nation‘ Stammesverbänden: wieso kennen wir aus der Frühgeschichte Europas die gleichen Merkmale in Zeichen, Wort und anderweitiger kultureller Tradierung? Das ist eine wichtige Fragestellung, auf die ich noch häufiger zurückkommen werde, weil sich grundlegend die Frage stellt, woher die ‚First Nation‘ wirklich kamen.

Die Kwakiutl waren und sind ein nativer Stämmeverband auf Vancouver Island, British Columbia. Dazu gehören beispielsweise die Walas. Allesamt gehören sie zu Kwakwaka’wakw („Rauch der Welt“), und ihre Sprache ist Wakashan. Der Donnervogel (Thunderbird) ist der Phönix, also der Adler im Flug. Der Bär hat insofern besondere Bedeutung für diese indigenen Stämme, weil in der Bear Cove die ältesten archäologischen Funde gemacht wurden und wir es hier somit mit einer sehr alten Überlieferung zu tun haben.

MYTHOLOGISCHE KONVERGENZ?

Es ist falsch, daß die indigenen Stämme mythologisch in wirklicher Konkurrenz zueinander stehen, auch wenn sich über die Jahrtausende stämme-rivalische Gebärdenattribute ausgeprägt haben, denn die Mythenattribute wiederum überlappen dergestalt, daß es sich eher um eine Konvergenz zu handeln scheint. Jene stämme-rivalischen Gebärden laufen offenbar sekundär ab, d.h. sie sind keine Ursache, sondern ein Entwicklungsphänomen, das im Laufe der Zeit aufgrund von Einflüssen (Umwelt, geologische Phänomene, soziale Rivalitäten u.a.) seinen Verlauf genommen hat. Stattdessen scheint das Konvergente auf eine gemeinsame Kulturform zurückzugehen, von der allerdings nicht bekannt ist, wo ihr Ursprung liegt. Das Wissen ist buchstäblich über die Jahrtausende verloren gegangen. Das Interessante hierbei ist, daß wir in Europa – wie auch in anderen Teilen der Welt – die gleichen Attribute vorfinden. Vom Phönix bis hin zu Riesen, Bäumen und Feuerkultur ist alles dabei, was man auch auf dem „Alten Kontinent“ findet.

Es wird bei den Kwakiutl in den Texten des Feuergeistes beispielsweise diskutiert, ob Feuer ein persönliches oder universelles Perogativ ist. Das ist eine sehr wichtige Auseinandersetzung, die sich unter anderem auf die modernen Konstrukte über Individuum und Kollektiv gut übertragen läßt und den Blick auf Mikro- und Makrokosmos lenkt. Es überschneiden sich hier also nicht nur philosophische Konstrukte und Semiotik aus Vergangenheiten oder vorangegangenen Entwicklungen, etwa Vorformen der Gedankengänge des 21. Jahrhunderts. Sondern die Themen sind ganz aktuell, zeitgenössisch wie jetzt, nur die Perspektiven dürften teilweise verändert sein. Vermutlich liegt das daran, daß wir nicht ganz so „frisch“ sind, wie oft oberflächlich angenommen wird, sondern uns, wie wir als Homo Sapiens Sapiens existieren, schon länger in ähnlichem „Aufbau“ befinden.

Migratory Bird Sanctuary on Coburg Peninsula

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