Die Darßer Landschaft und die Vineta Legende

Ein anderer, künstlerischer und kulturhistorischer Blick auf die Landschaft der dreieckigförmigen Halbinsel im Nordosten Deutschlands, den Darß, der den Nationalpark der vorpommerschen Boddenlandschaft Mecklenburg-Vorpommern stellt.

Aus der Prerower Ecke stammt ein Teil meiner Vorfahren, die dort Schiffsbauer waren. Dies bewog mich dazu, im Februar 2016 mit zwei alten Freunden diese im Februar durch den ungebrochenen Meerwind äußerst eisige Gegend näher auszukundschaften. Hier wurde ich bei der Wanderung durch den Kiefernwald ausnahmsweise tatsächlich einmal an meine nordisch geprägten Grenzen gebracht, da ich das Gefühl hatte, meine Beine würden vor Kälte absterben, obwohl ich zwei Hosen übereinander trug. Eine faszinierende Erfahrung!

Doch durch die Eiseskälte hatte der Wald am Meer ein ganz besonders magisches Flair, und ich freue mich auf weitere solcher wunderschönen Abenteuer.

Tatsächlich konnte ein einheimischer Türenbauer mir kurz vor der Fahrt gen Nordosten mit Einträgen der Namen vermutlicher weiterer Vorfahren weiterhelfen, und da ich mich dann sehr in die Natur dieser Gegend verliebte, freute ich mich über diese besonders spezielle Verbindung, die sich mir auftat. So entschied ich mich nach der Reise dazu, mein Gefühl für diese Region weiter zu vertiefen, indem ich einige Aspekte malen würde. Hierbei entstand diese Acrylreihe: 

Der Name ‚Darß‘ leitet sich von slawisch ‚draci‘ (u.a. ‚Dornen‘) ab, was nach lokalen Hinweisen etymologisch auf den Darß als einen Ort mit Dornen zurückzuführen sei. Ich kann bestätigen, daß ich vereinzelt Dornensträucher im Nationalpark vorfand.

Historisch betrachtet zeigt sich aber noch etwas anderes: auf dem Darß findet man viele typisch thrakische/persische Elemente ausgestellt bei den lokalen Künsten, wie z.B. den berühmten Darßer Türen. Möglicherweise weist ‚draci‘ also auch etymologisch nicht nur auf slawische, sondern auch auf thrakische Einflüsse hin, denn die Völkerwanderungen (Migrationen) und interkultureller Handel sorgten dafür, daß sich Kulturen und auch Sprachen gegenseitig beeinflußten, zumal die transkulturellen Einflüsse bereits durch gegenseitige Beziehungen vor den Völkerwanderungen vorhanden waren. Und wie Recherchen ergaben: einst war die Gegend des Darß tatsächlich angebunden an den thrakisch-persischen Handel. Die thrakischen Einflüsse auf das Slawische werde ich in einem anderen Artikel beleuchten.

Die alte Darßer Tür-Tradition erscheint wie eine Art historisches „Internet“: Die Türen repräsentieren die Verbindung von lokaler Tradition mit Einflüssen aus der ganzen Welt. Die Symbole dienen u.a. dem Schutz des jeweiligen Hauses. Allgegenwärtig sind die Sonnenmotive inklusive des Sonnenkreuzes, der Diamant bzw. die Raute, Pfeile, die nach oben zeigen und Tulpensträuße. Letztere sollen laut einer lokalen Quelle den Lebensbaum repräsentieren, die Pfeile seien als Schutz gegen Blitzschlag gedacht und die Raute als allgemeiner Schutz des Hauses. Auch hier haben wir es mit transkulturellen Kulturelementen zu tun.  All diese Symbole und Stilisierungen findet man ebenfalls bei den Thrakern wieder, und wenn man weitergräbt, kommt man bei den Persern und dann bei den Assyrern heraus und dann: am Schwarzen Meer bei der Cucuteni Kultur.

Eine weitere Überlieferungstechnik ist die mündliche Tradition. In dieser Gegend ist die Legende von ‚Vineta‘ beheimatet. Diese Legende erzählt die Geschichte einer Stadt, die immer mal wieder vor der Küste des Darß sichtbar werden soll.
Es finden sich schriftliche und mündliche Überlieferungen in Bezug auf diese Legendenbildung, wobei die Einwohner auch als Vineter/Veneter bezeichnet werden, und es gibt sogar Vergleiche der Vineter mit Venetien und den Phöniziern. Dies erinnert ebenfalls stark an einen thrakischen oder persischen Einfluss bei der Legendenbildung, und hier hat man es mit einer linguistischen Verbindung zu dem Wort ‚Phönix‘ (ref. Zoroastrische Lehre) und dem Element ‚wen-‚ (‚Liebe‘, ‚Gewinn‘, ‚Hoffnung‘; s. Wunsch, Venus, Wunder, Wind u.a.) zu tun. Oftmals wird die Vineta Legende mit Atlantiszeiten verknüpft und findet sich im Zusammenhang mit globalen Ideen von Zeit- und Raumphänomenen, durch die Ortschaften, Inseln, Leute u.a. immer mal sichtbar werden sollen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist das Witte Aaland (Weißes Eiland), ein fiktives Inselland im friesischen Raum, für das ich vor einigen Jahren den Wikipedia Eintrag angelegt habe. Im Falle von Vineta beansprucht das gesamte Ostsee-Küstengebiet bis hin nach Zinnowitz auf Usedom Vineta für sich, wo es sogar die Vineta Festspiele gibt, die im Übrigen von den Produzenten ganz bewußt sehr kosmisch als Referenz auf Atlantis gestaltet sind. Es ist also der gesamte Küstenstreifen von den Einflüssen der Legendenbildung betroffen. Die größte Tendenz der Lokalisierung scheint bei Barth auf dem Darß zu liegen, wo sich das Vineta-Museum befindet.

Was den zauberhaft verwunschenen Kiefernwald von Prerow angeht, so möchte ich darauf hinweisen, daß er ein gutes Vorbild darstellt. Hier werden die Bäume als Herrscher des Waldes behandelt, was man spürt. Um den Schutz des Waldes zu garantieren, wird niemals ein Baum gefällt, und wenn ein Baum von Natur aus seinen Geist aufgibt und umfällt, dann wird das Holz liegengelassen, so daß der Wald selbst sich um die Renaturierung seines Holzes kümmern kann. Durch diese Naturbelassung entsteht ein einzigartiges, magisches Flair, das zeigt, wie unsere Wälder wären, würde man sie nicht zerforsten und ausbeuten. Nur wenige Gegenden haben in Zentraleuropa derzeit das Glück, eine solch durch den Staat gewährte schützende Hand über sich zu haben, und es sollten viel mehr werden.

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