Eine Reise ins thüringische Weimar

Um gleich mit der ethisch-intellektuellen Tür ins Haus zu fallen: Ich lehne den Hype ab, der um Männer wie Goethe und Schiller fabriziert wird. Männer, die erstens nicht gut verstanden werden, und zweitens waren diese Männer, trotz ihrer intellektuellen Bemühungen, Patriarchen im wortwörtlichen Sinne. In Goethes Fall hat man es sogar mit einem royalistischen Patriarchen zu tun. Die komplexe Problematik dahinter ist bis heute nicht vollständig aufgearbeitet und transferiert worden, stattdessen werden weise Memes wie Sand am Meer geteilt. Sicherlich können Memes anregend sein, es ist aber auch wichtig, sich mit den intellektuellen Hintergründen von Künstlern, Schriftstellern und Musikern auseinanderzusetzen. Gerade bei Texten sind die intellektuellen Hintergründe letztendlich ausschlaggebend für das umfassende Textverständnis. Es reicht nämlich am Ende des Tages nicht, einen Text mit dem Spiegel des eigenen Verständnisses ohne Kontext in Perspektive zu setzen, denn hinter Texten stehen Personen, deren eigene Umstände sich in ihren Texten spiegeln, was man allerdings nur beginnt zu sehen, wenn man sich auch mit diesen historischen Hintergründen auseinandersetzt.

Mit dem Blick auf Goethes „Zwilling“ Lenz beim exzellent arrangierten Camera Obscura DNT Spiel wurde mir bewußt, wie stark die Selbstlügen zu der Zeit als gesellschaftliche Bedingung gelebt werden mußten, damit man Anerkennung innerhalb der Gesellschaft finden konnte. Diese geistige Bevormundung durch die systembedingten Umstände soll sich nicht auf Goethes Texte niedergeschlagen haben?

„Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.“
(Goethe, „Faust“, Charakter: Mephisto)

Gewiß, der andere Kollege, Schiller, ging ins Stadtexil für seine Freiheit zu schreiben, aber er schrieb dennoch patriarchalisch geprägt. Man kann natürlich sagen, „das war nunmal so in seiner Zeit“, aber damit ist kein Faden gesponnen, denn zeitgenössische Zustände des  17./18. Jahrhunderts darf man nicht in das 21. Jahrhundert transferieren, ohne sie zu hinterfragen. Das ist aus Differenzierungsgründen notwendig und fügt den Werken keinen Schaden zu, verändert auch nicht ihre Grundstimmungen, sondern erweitert unseren Horizont. Etwas, das möglicherweise auch diese Dichter in unserer Zeit anstreben würden, denn sie waren sehr intelligent.

Wie oben, so unten...
Wie oben, so unten… Duales Landschaftsdesignspiel im Schloßpark Belvedere. Hier: die Große Fontaine

Zurück zu Göthen und seiner Beziehung zur persischen Geschichte und der Gretchenfrage des Dr. Faust: Goethe wählte den Ginkobaum und das Ginkoblatt nicht einfach so aus, um damit Soulmate Wissen, den Seelenzwilling, zu repräsentieren. Er war ein Alchemist und versuchte, von den persischen Lehren des Hafiz zu lernen. Doch ob Goethe die tieferen Hintergründe zum Begriff der Unsterblichen Liebe verstand, das kann ich nicht sagen. Manchmal scheint es so, besonders wenn man betrachtet, wie er seinen Mephisto einbringt, der den Leser durch die Vierte Wand lehrt, daß es die andere Kraft gibt, die das oszillierende Selbst involviert. Doch sein dualistisches ‚Gut gegen Böse‘ Schema ist zu dualistisch geprägt. Die Gretchenfrage ist eher dazu gedacht, in den Dualismus hineinzuführen als in das Wissen über das Duale, und hier erreicht Goethe seine eigenen Grenzen, in Referenz zum Unbekannten (ref. der Unbekannte Gott), das das Unkennbare bleiben soll – was der hauptsächliche Denk-Fauxpas ist.
Vor zweihundert Jahren war die Welt bereits bunt. Doch bis heute sind die Geister der Menschen oft mit dem alten Schwarz-Weiß-Denken geprägt.

Fiaker

Dann: Ist es denn wirklich notwendig, heutzutage Pferdekutschen einzusetzen, um diese anderen Zeiten zu repräsentieren?
Auch wenn die Umgebung in dem verträumten 65.000 Seelen Städtchen eine ruhige ist, die Pferde sahen nicht allzu glücklich zu mir herüber, mit ihren Scheuklappen über den verletzlichen Ohren, bei ihrem langweiligen Job auf den Pflastersteinen in der hitzebrütenden Sonne. Nichts hiervon macht Sinn in unserer Zeit vom Standpunkt der Menschlichkeit aus betrachtet. Wir dürfen Erinnerungskultur an sich nicht auf eine solche Weise aufrechterhalten, indem wir Wesen mißbrauchen, meine ich. Die Tiere haben nunmal keine menschliche Stimme, um uns entgegenzuhalten:“Haut ab! Ich will das nicht!“
Wann werden die Menschen begreifen, daß eine Stimme nicht nur durch Worte ausgedrückt wird, um eine Stimme von Bedeutung zu sein? Wahrlich, der Wörtlichkeitsglaube der Menschheit bringt alle Balance jäh zu Fall.

Nachdem ich nun hauptsächlich und so viel geschimpft habe und mir noch tausend Gründe einfallen, den Stand der Kultur zu kritisieren, wird man mir wohl kaum mehr glauben, daß ich mich bei diesem meinem allerersten Besuch Weimars außerordentlich in diese Stadt verliebt habe. Aber gerade meine Kritikwilligkeit zeugt davon, daß dieser Ort mein Herz berührt hat. Ich fühlte mich sehr transportiert, nicht nur dadurch, wie das Theaterteam des Stückes Camera Obscura :: Lenz es am ersten Abend des Kunstfestes schaffte, meine ersten Schritte in Weimar durch Traum und Wirklichkeit zu lotsen. Was für eine Erfahrung! Es war natürlich das Kunstfest Weimar, was mich letztendlich jetzt nach Thüringen führte, und ich habe alles, das Gefühl, die Atmosphäre, die Umgebung in mich aufgesogen. Chapeau!

Für Menschen, die sich pflanzenbasiert ernähren, gibt es in Weimar im Übrigen auch wunderbare Möglichkeiten der Einkehr. Für geistige und körperliche Nahrung ist hier bestens gesorgt.

Gezeichnet habe ich natürlich auch. Die Sphinxgrotte zog mich an und lud mich ein, die Stifte und Farben auszupacken. Ich vergaß dort für eine Stunde die Welt, und das ist immer gut…

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