Der Leib – ein Diskurs

Wenn ich Körper zeichne und male, dann zeichne und male ich Formen und Personen, nicht unbedingt oder überhaupt deren Wünsche in erotische Gefilde. Ich zeichne Ausdruck und Gedanken anhand der Leiber und Gestalten. Gestalten beim Denken, beim Kaffeetrinken, beim Sein. Alltägliche Bewegungen, die unsexualisiert dargestellt werden und den Körper in seiner Form hervorheben.

Liebe, Eros & Seele

Und ich male Liebe. Liebe ist mit Eros verknüpft, und Eros ist etwas Großartiges. Ich möchte hierbei auf die antiken ‚Eroten‘ hinweisen, die die himmlische („heilige“) Liebe repräsentieren, also etwas in sich Ganzes und ganz und gar Verbundenes (‚heilig‘ bedeutet ‚ganz‘ -> engl. whole). Das Wort Erotik hat also einen anderen Hintergrund als das, was heutzutage darunter verstanden wird. Man kann sie in Fleischbeschau nicht finden, sondern nur im realen Leib an sich. Und der Leib ist nicht „der sterbliche Materiekörper“, sondern der beseelte Körper mit allem, was dazugehört. Ohne Seele kein Leib, und ohne Leib kein Leben (‚Leib‘ und ‚Leben‘ haben denselben etymologischen Ursprung).
Wie aber sieht man die Seele? Wie stellt man sie dar? Nun, in diesem Kontext (denn die Seele verfügt über eine unendliche Anzahl an Kontexten): Es liegt bisweilen eine besondere Schönheit in einem Kuß oder einem Blick, die das Gefühl der Bewunderung durch Verbundenheit hervortreten läßt. Dieses Gefühl ist eng verknüpft mit dem, was Eros ursprünglich ausmacht. Und das hervorzuheben ist, was ich unter anderem beabsichtige, um Seele auf künstlerische Weise greifbar zu machen.

Wir sind sexuelle Wesen, sogar sexuelle Matrizen, wenn man dem Leiblichen, „Metakörperlichen“ eine Bezeichnung geben will, und das Erotische ist nicht davon abgekoppelt. Das Erotische in sich jedoch ist von Natur aus etwas Privates, etwas, das noch nicht direkt mit Formen und Körpern verknüpft ist, sondern das wir als bedeutungstragende und bedeutungsgebende Wesen in eine Betrachtungssituation selbst mit hineinbringen.
Das bedeutet: man macht ganz persönlich und subjektiv mit sich aus, wie man die eigene innere Welt gestaltet und wahrnimmt. Die erotische Verknüpfung kommt folglich erst zustande, wenn man wahre (persönliche, subjektive) Verbindung in etwas findet – also eine sich selbst von Objekt zu Subjekt verknüpfende Wirkung, die durch ein Meta-Moment hervorgerufen wird (Tipp: diese Meta-Momente gilt es zu hinterfragen!).
Wenn Gedankenmuster unterbewußt ablaufen und man nicht versteht, warum eine bestimmte Empfindung auftritt, so ist die Verknüpfung mit dem Auslöser für die Empfindung dennoch gegeben. Hierbei steht dann in Frage, was das Subjektive für einen persönlich konstituiert und was das persönliche Erkenntnisinteresse ausmacht. Die Frage, die sich stellt ist: „Wer bin ich?“
Das sind natürlich Fragen, die man sich nur selbst beantworten kann, die es sich aber auf jeden Fall lohnt zu stellen, weil sie einen rückkoppeln in die einen umgebende Welt, mit der man immer in Wechselwirkung steht. Denn genauso wenig, wie der Geist in sich selbst isoliert ist, da er ein soziales Moment darstellt und die Kollektiverfahrung (zwei sind ein Kollektiv…) anstrebt, so wenig ist auch der Körper und Leib von einer imaginären Außenwelt oder innerhalb des Individuums das Weibliche vom Männlichen abgeschottet.

Androgyne Logik & Balance

Nun weiß man beispielsweise nicht (oder nicht unbedingt), in welchem Moment man weiblich oder männlich denkt. Was daran liegt, daß es keine biologisch eindeutigen weiblichen oder männlichen Gedanken gibt und es schlicht und ergreifend nicht biologisch einzuordnen ist, was weibliches und männliches Denken konstituiert. Stattdessen greifen viele nach kulturgenormten Behelfskonstrukten, um aus einem Gedanken die Definition eines weiblichen oder männlichen Gedankens künstlich zu konstruieren, womit sie künstliche Konstrukte erschaffen. Dieses Künstliche bleibt jedoch ein milieubasiertes, also gelerntes bzw. angeeignetes Konstrukt.
So repräsentiert die Farbe Blau nicht Männlichkeit oder männlich Adjektivisches, sondern sie ist ein physikalisches Phänomen des Farbspektrums, in diesem Fall ein kurzwelliges. Im kulturellen Bereich findet man zudem die Farbe Blau eher als Attribut für androgyne Logik, was das kulturelle Konstrukt der Farbe Blau als kulturelles männliches (Gedanken-)Attribut widerlegt. Denn das Androgyne repräsentiert das Männliche und Weibliche als zusammenwirkende Elemente, sprich, sie sind beide präsent. Letztlich kann man dies anhand der Physik gut umschreiben: ein elektromagnetisches Moment ist niemals nur elektrisch oder magnetisch, sondern beide Kräfteausprägungen wirken zusammen. In Frage steht hierbei die Balance, die hieraus hervorgeht und nicht, ob etwas männlich oder weiblich sei.

Entleiblichung des Geistes durch dualistische Betrachtungsweisen

Es scheint vielen schwerzufallen zu erkennen, daß Verknüpfung nicht davon abhängig ist, ob man sich bewußt über etwas ist oder nicht, sondern daß Verknüpfung aus sich selbst heraus existiert und zwar dadurch, was in der Metaebene der Verknüpfung bereits vorhanden ist. Das kann man mit einem entleiblichten Geist aber nicht analysieren, weil einem dafür die Verständnisvariablen in dem Moment fehlen – was behoben werden kann durch den Willen des tieferen Einblicks in das, was das Persönliche, Individuelle, Subjektive ausmacht.
Den entleiblichten Geist macht aus, daß der Körper dualistisch betrachtet wird. Er ist männlich oder weiblich und soll objektiv einen männlichen oder weiblichen Geist enthalten. So einfach ist das aber nicht. Im Gegenteil! Diese Art, die Welt zu kategorisieren, ist eine dualistische Falle, denn sie entleiblicht den Geist und setzt körperliche Merkmale als eine absolute Instanz fest, die den Geist einer individuellen Person zu definieren habe. Durch eine solche Kategorisierung wird die Person folglich entleiblicht, da der Körper nicht mehr als Vehikel des Individuums betrachtet wird, sondern als eine massentaugliche Instanz, so daß schließlich jedes mit männlichen Merkmalen geborene Wesen denselben einen männlichen Körper bewohnen könne und jedes mit weiblichen Merkmalen geborene Wesen denselben einen weiblichen Körper. Das ist natürlich grober Unfug einer dualistisch orientierten Weltsicht, durch die das Individuum, die Person an sich, eine Entkopplung als Subjekt erfährt. Dies in sich bedeutet eine Entleiblichung, da, wie wir bereits vorher festgestellt haben, der Leib das subjektive Moment beinhaltet – inklusive androgyner Logik.
Eine Folge einer solchen Entleiblichung des menschlichen Geistes auf intellektueller Basis ist die Unsicherheit des Einzelnen und die Fehlplatzierung des Körpers selbst. Hieraus entstehen viele Probleme, mit denen die Menschen eigentlich gar nicht klarkommen, weshalb so vieles wahllos und ohne zu hinterfragen einverleibt wird. Dieses wahllose Einverleiben ist ein entleiblichter und entknüpfter Akt, der bewirkt, daß wahre Verbindung und damit Wahre Liebe in all dem untergeht. Man hält nicht mehr Ausschau nach dem ursprünglichen Eros, der Ganzheit (dem Ring), die das Individuum konstituiert, sondern man nimmt sich einfach egal was kommt und achtet nicht darauf, daß man ein lebendiges Wesen ist, das aus einer komplexen, Balance benötigenden Seele-Leib Kombination besteht.

Entstrategisierung & Urvertrauen

Heutzutage werden Strategien der Weisheit verkauft wie Sand am Meer. Wahre Verbindung kann möglicherweise aber erst durch Entstrategisierung gesehen werden, also durch das Weglassen von Strategien, die man sich in der jeweiligen Art des sozialen Gefüges, in dem man sich aufhält, als Schutzprinzip angeeignet hat. Entstrategisierung in diesem Kontext bedeutet: Man will nicht mehr sollen. Man will wollen. Und kann man nicht wollen, so will man Wollen lernen wollen.
Der Wille ist aber solange keiner, solange er von Parametern gegliedert wird, die man gar nicht selbst in sich gesetzt hat.
Wird der Körper beispielsweise als strategisches Prinzip eingestuft und behandelt, solange will man nicht, sondern man muß. Fühlt man sich attraktiv, weil man sich gut ausbalanciert fühlt und glücklich von innen heraus ist? Oder macht man sich temporär attraktiv, um jemandem zu gefallen? Beides kann in Ordnung sein. Aber: sobald Letzteres dazu dient, zu angeln um jeden Preis, also einzuverleiben um jeden Preis, ist die Strategie bereits für die Tonne. Denn ab da dient der Körper als strategisches Prinzip, nicht mehr als Einheit der Seele. Und solange der Körper als ein strategisches Prinzip betrachtet wird, wird der Leib nicht gesehen und damit die Seele nicht. Die Leib-Seele Einheit fällt dabei wieder hinten an.
Was aber ist man ohne diese innere Einheit? Ohne das Gefühl von innerer Akzeptanz und Würde? Hilflos, manipulierbar und nicht weniger als entfremdet vom eigenen Urvertrauen. Das eigene Urvertrauen jedoch ist Ausdruck jener inneren Verbundenheit, jener Wahren Liebe, die man eigentlich so sehnsüchtig spüren will und für die man all den Zirkus veranstaltet, von sich selbst wegzukommen. Dabei kommt, wie wir bereits zu Anfang festgestellt haben, die wirkliche erotische Verknüpfung erst zustande, wenn man wahre Verbindung in etwas findet. Wahre Verbindung nimmt man allerdings nur dann wahr, wenn man sich für seine Wahrnehmungen öffnet und sie nicht mehr versucht zu unterdrücken, weil man glaubt, durch das Unterdrücken des eigenen Selbst im Außen angenommen zu werden. Erst durch das Öffnen, durch das Neugierigsein über zuvor selbstgesteckte Grenzen hinaus, durch das sich Hinwenden – also durch die Kommunikation mit dem eigenen Inneren – kann man mit dem eigenen Leib anknüpfen.
Und ab da sind ein Kuß und ein Blick mit diesem besonderen Zauber versehen, der nicht nur in das tiefste Innerste hineingeht, sondern auch daraus hervorgeht. Der weder entleiblicht noch kompensierend ist. Der in sich ganz ist und somit auf jene ‚himmlische‘ Liebe des Eros verweist.

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