Lesbarkeit im kulturhistorischen Labyrinth

Daß Malerei im 17 J.h. nur ein „Handwerk ohne Anspruch auf Vergeistigung des Künstlers“ gewesen sein soll, kann man nicht unbedingt so behaupten. Es war schon im 15. Jh. nicht so. Man schaue sich Hieronymus Boschs Werke an – ein intellektueller Rebell, der ein kleines, recht freisinniges kulturelles Zeitfenster erwischte. Es gab immer Dynamiken zu verschiedenen Zeitperioden, in denen mal offener, mal verdeckter künstlerisch agiert wurde, in Bild und Wort. Ein berühmtes Beispiel der Geschichte für Exilautoren ist Ovid.

Ovids Erbe in Constanta (Tomis – „Constanta/Constantiana“ wurde nach der Schwester Konstantin des Großen von selbigem benannt), der von den Römern hier hin ins Exil verbannt wurde und dann hier eingängig schriftstellerisch tätig war. Er fand in der lokalen Bevölkerung der Daker und Thraker Fans, weil er sich bemühte, an die menschliche Urvergangenheit anzuknüpfen und die lokalen Überlieferungen in Betracht zog.

Die Malerei war dabei u.a. eine Sprache, eine Ausdrucksform; wenn man belesen ist, dann findet man diese Sprache in verschiedensten Texten, sei es in historischer Sachliteratur, anderer Fachliteratur und in verschiedensten Formen von Prosa und Lyrik wieder. Die Wechselwirkung von Texten und Bildwerken war so oder so immer gegeben, besonders auch in der mittelalterlichen Darstellung, in der oft wörtlich hingepinselt wurde – teilweise sehr brutal und sadistisch, dann wieder mystizistisch.
Die Renaissance brachte unter anderem die Bukolik hervor, die sehr interessant zu studieren ist. Es gab zu der Zeit viele Vergil Fans, die sich wie Propheten einer neuen Ära fühlten. Die ausführenden Künstler indes waren oft eingeweiht in die alchemischen Interessen (‚Al Khemia’/Al Chemia, die Schwarze [Kultur]Lehre; Ägypten hieß früher Khem/Kemet/Km.t = das Schwarze Land) ihrer Auftraggeber und auch still in beratender Funktion tätig. Künstler waren nicht hauptsächlich arme Schlucker oder lediglich bezugslos arbeitende Ausführer zu den Themen, die sie für einen Auftraggeber darlegten. Sie standen auch oft in Sonderstellung zu Hofe, waren rebellisch bis subversiv innerhalb ihres Schaffens mit und gegen den Auftraggeber und wußten über Nuancen Bescheid.  Die Kunst war hierbei immer ein Informationsträger.

Diese Drachenwesen erinnern an die kaukasischen Vischaps und sumerischen geflügelten Löwenmenschen. In Frage steht, wo das Wort „Kaukasus“ (ebenso das Wort „Iberien“) herrührt. Diesen Fund besichtigte ich im Museum für Archäologie in Constanta.

LESBARKEIT

Zum Thema Lesbarkeit von Kunst und Werken sowie historischen Begebenheiten und ihren Zusammenhängen allgemein – denn es geht nicht nur darum, Künstler, Auftraggeber und Werke mit all ihren Wechselwirkungen in ihre kontemporären Kontexte einordnen zu können, sondern auch darum, Schlußfolgerungen für die jetzige Zeit aus diesen Erkenntnissen zu ziehen:
Es ist empfehlenswert, sich unter anderem die Apokryphen zu Gemüte zu führen, denn dann kann man einige Bilder, die sich durch die literarische und künstlerische Zeit ziehen, besser „lesen“ und Platzierungen revidieren und aktualisieren. Auch sind Mythen wichtig zu betrachten. Seien es die Narten Sagen (sämtliche Texte um Syrdon und Satanaya), die sumerischen Überlieferungen (Ishtar und Inanna) oder die Edda (Loki, Wotan und Co). Ich empfehle die Ausführungen des französischen Kulturwissenschaftlers Dumézil zur Edda und dem Schwarzmeersagenschatz, und hilfreich sind auch die Übersetzungen der mündlich überlieferten Nartensagen durch den amerikanischen Linguisten (und Mythologen und Mathematiker) Colarusso. Die neuere Nibelungensage sollte man unter dem Gesichtspunkt lesen, daß sie ein späteres Konstrukt ist, welches sich auf Ereignisse beruft, die eigentlich Jahrtausende zurückliegen (eine gängige Praxis in der Überlieferungsgeschichte) und auf die andere Persönlichkeiten draufgestülpt wurden, was ein wenig an Matrjoschkas erinnert: eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte. Die Burgunderkönige waren nicht die Nibelungen (Könige identifizierten sich allerdings mit den Nibelungen), Siegfried geht tausende Jahre zurück mit Bezügen bis zum armenischen Vahagn und den Vischaps, und es wurde kein „Drache“ getötet, da es sich hierbei um metaphorische Referenzen handelt. Hier möchte ich verweisen auf die Thraker, bzw. die thrakischen Stämme und jeweilige Vorfahren und Zusammenhänge (Thraker/Drache, Wotan/Guodan/Gott [ref. Getai]). Nibelungen könnten zudem die Nephilim zu sein, hier hat man es unter Umständen lediglich mit einem Sprachunterschied zu tun, aber nicht mit einem Bedeutungsunterschied.
Platons Atlantis wäre noch zu erwähnen, sein Timaios bringt den Namen an und weist auf den Topos ‚antediluvianische Zivilisationsgeschichte‘ hin. Napoleone Buonaparte hatte beispielsweise ein Atlantisfaible und ließ sich mit signifikanten Merkmalen abbilden, genau wie viele führende Köpfe und Adelige, die Gemälde, Skulpturen und andere Werke in Auftrag gaben. Im Übrigen rührt der Name Napoleone laut des Biographen Cronin wahrscheinlich aus dem Ägyptischen und bedeutet möglicherweise ‚Nibelung‘.

Im Land der Katharer: „Chateau de Roquefixade“ (Midi-Pyrenées)20×20; Acryl auf HDF, 2016

GENIEKULT, DUALISMUS & IMBALANCE

Es spielten immer Texte und Kunstwerke zusammen für die Identifikationszwecke „großer“ und „wichtiger“ Leute eine Rolle, nicht nur das eine oder das andere.
Aber: der Bürger hat von all dem an der Oberfläche wenig mitbekommen, und das war gewollt. Das Volk sollte dienen, nicht wissen. Absolutistische Herrschaft war praktisch für die Eliten (Klerus und Adel, die beide, meist gegeneinander, um die Herrschaften kämpften), und Leibeigenschaft wie Adel wurde als „gottgegeben“ inszeniert. Man verwaltete Wissen genauso als elitäres Gut wie die Kunstwerke und Architektur, die man in Auftrag gab und machte Wissenschaft ebenfalls solange zu einer elitär-patriarchalischen Institution, bis das Konstrukt sich im 20. Jahrhundert auflöste. Die Folgen dieser Einstellungen sieht man allerdings bis heute, auch wenn Europa die Zeit der Aufklärung durchlaufen und im 19. und 20. Jahrhundert soziale und politische Revolutionen hervorgebracht hat.
Bis kurz vor Beginn der Industrialisierung war es nicht ganz so problematisch, rein in Bezug auf die planetare Balance, derart kastengerichtet zu agieren, da es nur ca. 500 Mio. Menschen gab und die Auswirkungen der durch die schlechte Güterverteilung entstehenden Ungleichgewichte schneller von der Natur selbst getilgt wurden. Daher konnte sich der fehlbalancierte Unsinn so lange halten, was jetzt in unserer Zeit des 21. Jahrhunderts aufgrund der schieren Anzahl an Menschen auf diesem Planeten allerdings nicht mehr möglich ist. Wir riskieren durch die noch immer vorherrschende schlechte Güterverteilung und ökologisch katastrophalen Produktionsideologien unsere Existenz und die unserer Mitlebewesen. Daher braucht die Menschheit jetzt in unserer Zeit eine intellektuelle und kulturelle Revolution auf globaler Ebene.
Natürlich war die fehlbalancierte Systemhandhabe aber so oder so auch damals ein humanitäres und ethisches Problem, da letztlich immer der Dualismus der fiktiven Hierarchien vorherrschend war und viele Menschen niemals aus ihren gebürtlichen Umständen herauskommen konnten und unter der Willkür derjenigen litten, die dachten, sie hätten von Gott gegeben (oder später bei den Eugenikern: von den Genen gegeben) „besseres Blut”. Rassismus in Reinform also. Dieser Rassismus ist in ethischer Hinsicht auch direkt übertragbar auf die dominierende Sicht eines Menschen über ein Tier, jedoch werde ich die Gründe, warum Tierfeindlichkeit Rassismus (eine Form der Xenophobie) zugrundeliegt, in einem gesonderten Artikel genauer ausführen.
Die Aufhebung der Leibeigenschaft im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ ist letztlich unter anderem Napoleon zu verdanken, so zynisch das scheint, nicht einem allgemein einsichtigen Adel, denn es war Napoleon, der die geopolitische Struktur des HRRDN veränderte, das deutsch-österreichische Dynastieverhältnis (ref. Franz II./I.) zerschlug und soziale Reformen in seinen eroberten Gebieten durchsetzte. Napoleon selbst war übrigens  von zweifelhaftem „Stand“, denn er war als freier Korse geboren worden, bevor sein Vater sich nach dem Verkauf Korsikas an Frankreich und der Niederlage Paolis als adelig einstufen ließ und den zehnjährigen Napoleon auf die Kadettenschule von Brienne ins ferne Frankreich schickte.

Mythische Symbolik an der Nationalversammlung in Paris, Frankreich

PLÄDOYER

Und heute? Was bringt es, wenn die sogenannte kulturelle Bildung sich weiterhin auf patriarchale Merkmale bezieht, einen auf fiktiven Elementen basierten Dualismus aufrechterhält und nicht umgedacht wird? Zunächsteinmal müßte das gesamte kulturelle Weltbild neu aufgerollt werden! Dagegen sträuben sich aber genau diejenigen, die derzeit mächtig sind – patriarchalische Dualisten. Letztendlich hat man es hier mit demselben unverständigen Kader zu tun, der schon über die vergangenen Jahrtausende die Fehlbalancen instandgehalten hat, wodurch eine Vielzahl an Menschen jetzt weiterhin uninteressiert an der Geschichte der Menschheit selbst durch die Gegend läuft. Dieses Ungleichgewicht ist nicht zufällig da, es ist aus den falschen Platzierungen des Wissens entstanden, das seit grauer Vorzeit willkürlich interpretiert wird, obwohl geschichtswissenschaftliche Quellen in ihrer Tiefe ganz andere Inhalte vermitteln.
2017 verhält sich wie die 1950er! Es ist Mode, Tiere zu mißhandeln und Frauen unterordnen zu wollen (ich empfehle zusätzlich Fouriers Ausführungen aus dem 18. Jh., über Bebel zu beziehen, wenn man kein Französisch kann), die Umwelt zu versauen als gehöre einem die Welt, rassistischen Quatsch zu verbreiten, usw. Es wird geglaubt, heute sei die Menschheit so bewußt wie nie zuvor, die Ideologie der besten aller möglichen Welten geistert durch die völlig geschichtsignoranten Köpfe, die Rückwärtsgerichtetheit als Heilselixier anpreisen und dabei den Mechanismen des Geniekults des 19. Jahrhunderts auf den Leim gehen.
Wir brauchen stattdessen Denker, die frei nach vorn blicken und die das, was hinter uns liegt, währenddessen wirklich begreifen wollen. Die keine Angst haben zu hinterfragen, warum moderne Staaten wie Deutschland auch im 21. Jahrhundert noch immer nicht säkular sind und warum Kunst und Geschichte zu dem geworden sind, was jetzt ist. Künstler, Wissenschaftler, Menschen, die die Fähigkeit besitzen, Geschichte zu sichten und sie und die im Verlauf der Menschheitsgeschichte enstandenen Metaphern lesbar zu machen.

„Break the Code“; Schild auf einer Hausfassade in Constanta, Rumänien (Schwarzes Meer)

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