Begriffe im gesellschaftlichen Kontext

Es fehlt in unserer Sprache für eine Menge an Erfahrungsebenen, Zuständen und Abläufen die präzise Begrifflichkeit. Eine Unterentwicklung der Sprache, die nicht selten durch Tabuisierung von Zuständen ausgeprägt wird. Im Grunde genommen sind wir derzeit nicht wirklich „modern“, denn das Wort „modern“ bedeutet „geschliffen“, und wir benutzen eine im problematischsten Falle absichtlich nicht geschliffene Sprache, die mit der Technologie, die entwickelt wird, nicht kongruent ist. Man könnte behaupten, es handele sich doch nur um Sprache. Sprache jedoch regelt unsere sozialen Abläufe, mit ihr stehen und fallen die Gefüge, die wir aufbauen, und das macht Sprache zu einem zentralen Faktor des menschheitlichen, globalen Geschehens im Großen und im Kleinen, also auf internationaler bis hin zu familiärer Ebene. Durch diese Unterentwicklung leben wir mit Unwuchten innerhalb unserer sozialen Gefüge, die vermutlich vermeidbar wären und definitiv veränderbar sind.
Seit ich das Wort “Gaslighting” (in Anlehnung an “Das Haus der Lady Alquist”/”Gaslight”; A. Hitchcock) verinnerlicht habe, fällt es mir mehr und mehr wie Schuppen von den Augen, daß eines meiner größten Probleme im Leben bisher gewesen ist, daß ich Wörter wie “Gaslighting” nicht zur Verfügung hatte, sprich, daß ich für einige dis-empathischen Erfahrungen, die ich mit anderen Menschen machte, keinen Wortschatz besaß und sie daher schlecht kommunizieren konnte. Seit Jahren benutze ich für das, was beim “Gaslighting” passiert, das Wort “Blase”, aber der Begriff erfasst nicht den ganzen Ablauf des “Gaslightings”.
Diese Blasen, in deren Zentrum sich der Gaslighter befindet, können durchmischt sein von teilweise realen Erfahrungen und ideologischen Positionen, weshalb es wohl so schwer für den Gaslighter ist, aus der eigenen Blase herauszutreten. Es ist dann wie eine Telefonverbindung, die Störfrequenzen aufweist. Die Person am anderen Ende soll die Störfrequenzen des Gaslighters zum Hauptkriterium der Kommunikation zwischen den beiden Kommunizierenden machen, nimmt die Störfrequenzen aber als das wahr, was sie sind: Störfrequenzen. Ab da fühlt es sich wortwörtlich schräg an oder „verrauscht“. Wenn man dieses Rauschen anspricht und aggressiv reagiert wird, ist das Kommunikationsproblem da, was an sich leicht vermeidbar wäre, würde der Fokus weiterhin auf Logik gekoppelt mit Empathie – für die Selbstreflexion notwendig ist – liegen. Kann man als Empfänger das Rauschen nur bedingt verbal in der Situation umschreiben, ist man also verbal eingeschränkt gegenüber dem Sender und wird einer Art Wortlosigkeit ausgeliefert – womit der Sender rechnet (ein totalitärer Machtfaktor). Es entsteht hierbei unter Umständen beim Empfänger eine Form von Amnesie („Blackout“), die zunächst eine seelische Schutzreaktion ist, allerdings zu weiteren Kommunikationsproblemen führen kann. Ich habe mich immer gefragt, wie es kommt, daß eine Person einen gedanklich in eine ganz andere Ecke stellen kann, sprich einem die Erfahrungsebenen quasi „rauben“ will und wie ich das Problem lösen kann, ohne die Kommunikationsverbindung zu verlieren. Und wo diese „Blackouts“ herkamen, wenn jemand diese Strategien gegen mich anwendet. Daß es emotionaler Schutz ist, macht dieses „Blackouten“ dabei unglaublich wertvoll. Gleichzeitig ist es aber auch nicht unbedingt hilfreich in der Situation, denn man wird dadurch manipulierbarer. Wie kommt es zu so einem Blackout?
Das Gehirn besteht aus und basiert seine Funktionen auf elektromagnetischer Grundlage (Energie, Bahnung; vgl. Sigmund Exner, 1894), und der Geist, gekoppelt an das Gehirn, kann in so einem Fall unter Umständen in sich gegenläufige Informationen, also (1) das, was der Sender teils in sich bereits gegenläufig aussendet und (2) das, was in der eigenen Verständnisposition vorhanden ist und Empfangsgrundlage bildet, nicht mehr konkret klar unterscheiden. Dabei implodiert bereits die Blase, was an sich gut ist, aber aufgrund der individuellen Kommunikationslage kann dann nicht mehr ausdifferenziert werden, weil Erwartungshaltungen im Raum stehen, also jenes Rauschen, die die Kommunikation an sich unterbinden.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es bei solchen Kommunikationsarten darum geht, das Gegenüber quasi auszuradieren. Man soll für die andere Person gar nicht existieren, damit man wie ein leerer Körper mit fremden Ideen angefüllt werden kann. Grundlage hierfür wäre der Wunsch, eine komplett beherrschbare, unpersönliche Welt zu schaffen, in der alle Wesenheiten lediglich Statisten innerhalb dieser eigenen Blase sind. Damit schafft man eine Art Holodeck, ohne realen Bezug, in dem man andere an- und ausschalten können will, wie es einem beliebt. Dieser versuchte Erfahrungsraub am anderen bedeutet dabei letztlich eigentlich immer einen Raub am eigenen „Leib“ (des Täters/Senders), weniger am anderen (Empfänger), denn der kann im besten Fall einfach woanders hingehen. Allerdings ist das nicht mehr gegeben, wenn man so mit beispielsweise Kindern und mit Menschen umgeht, die sich nicht umdrehen und gehen können. (Vielleicht legt man Wert auf das Zentrum eines Gedankens und will noch bleiben, des Zentrums wegen, oder im schlimmsten Fall ist man einem diktatorischen Regime unterworfen und das Leben ist bedroht; es reicht aber leider schon, Menschen wirtschaftlichen Bedrohungen auszusetzen, auch das ist totalitäres Verhalten.) Und ab da werden diese Verhaltensweisen spätestens zu einem der großen Probleme, aus denen diese Welt derzeit gestrickt ist.
Das sogenannte Gaslighting ist also ein viel verbreiteterer Topos, als bisher offen diskutiert wird, und in unserer Sprache fehlen Begriffe hierfür komplett.
Im Großen und Ganzen findet man diese Kennzeichen bei allen Individuen, die sich über die Seele anderer stellen wollen. Das beginnt oftmals innerhalb von Freundschaften und Arbeitsverhältnissen, bei denen verlangt wird, man habe sich einer vorgegebenen Ideologie anzupassen oder sich in ein Weltbild einzufügen.
Der Mensch driftet offenbar sehr leicht in diese Art Verhalten hinein, ohne, daß es ihm dabei unbedingt bewußt ist. Es scheint dabei unerheblich, wie intelligent eine Person ist. Allein die Entscheidung, andere in das eigene Weltbild hineinpressen zu wollen, ist dabei kennzeichnend. Und diese Entscheidung zieht sich durch alle Schichten und Nischen. Das Totalitäre ist dabei etwas, das der Mensch in seinem Inneren produziert und gewillt ist, auf seine Umgebung anzuwenden. Zugrunde liegt hierbei offenbar die Angst, nicht mehr Teil eines kleinen oder großen Kollektivs zu sein, welches das Weltbild aufrechterhält.
Hierbei ist interessant zu betrachten, woher dieser Drang zum „Kollektiven Sein“ überhaupt rührt. Das werde ich in Zukunft noch gezielt ausführen. Hierunter fällt auch manipulatives Verhalten von Personen, die ein Pseudo-Kollektiv erzeugen wollen und den Anschein geben, man müsse irgendwo mitmachen oder dazugehören. Eines der großen Probleme, die wir haben ist: uns fehlen die Begriffe und die Bereitschaft, um hierüber miteinander – wie auch über andere Angelegenheiten – adäquat zu kommunizieren. Und wenn sie nicht fehlen, so sind sie in entsprechenden Situationen doch nicht gewollt.

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