Dessiner Liège 2018

Das wunderbare und mit viel Sorgfalt organisierte Dessiner Liège 2018 hat mich zu einer Reise in die Wiege der Industrialisierung inspiriert. Lüttich kannte ich bisher nur vom Namen und vom Wappen her, von welchen letzteres mit seinem ‚peron‘ (‚großer Stein‘) einen Bezug zur uralten Marktkreuz-Symbolik herstellt.
Marktkreuze sind eine ganz interessante Angelegenheit weltweit. Man findet sie in ihrer Vorform auch als Obelisken. Obelisken dienten ursprünglich als Symbole der „kosmischen Balance“ (Pallas) und sind im Kontext der Marktforen auch so zu sehen. Sie wurden aber daneben häufig als Machtsymbole von Herrschern aufgestellt, die mit Pallas wenig gemein hatten. Im Mittelalter dienten die Marktkreuze oft als Pranger, wohl die perverseste Ausformung, die man sich denken kann. Im Falle von Lüttichs Wappen soll der ‚peron‘ Iustitia im staatlichen Sinne repräsentieren, ist also ein Symbol für „Recht und Ordnung“, gestützt durch die drei Löwen.

Liège

Ich stiefelte also bei schönstem Sonnenschein vom Bahnhof entlang der Maas, um zur ESA Saint-Luc/Ecole Supérieure Des Arts zu gehen. Hierfür mußte ich irgendwo den Fluß überqueren und landete auf jener Brücke, die mit wehenden Fahnen die Viva Roma! Ausstellung im La Boverie Museum bewarb, was mich amüsierte, da ich bald in Italien ein paar Studien machen und auch zeichnen und mit Sängern an der Sommersonnenwende in den Uffizien ein Stelldichein haben werde. Irgendwie ein schöner Ausblick! Entlang der Maas ging es weiter auf einem Weg am Fluß, und mir fiel auf, daß Lüttich ein sehr kunst- und kulturfreudiger Ort sein mußte. Überall waren Skulpturen aufgestellt, und ich wurde etwas neidisch, da wir in Köln kulturell in der Stadtplanung bei weitem nicht so gut bestückt sind.

Nach gut 30 Minuten kam ich an der ESA Saint-Luc an und bekam vor Ort von den Urban Sketchers Liège einen festen Pappumschlag mit Dessiner Liège Stempel und 2 Metern Zeichen-Aquarell-Papier gestellt sowie ausgeklügelte Infoblätter über Zeiten und Orte und noch einiges mehr. Großartig, wie liebevoll hier alles ausgearbeitet worden war!

Ich machte mich kurz frisch und stapfte dann den Anweisungen meines Sketch-Kollegen Mika Hell folgend in Richtung andere Maas-Seite, zum Mont Saint Martin, um dort auf ein paar Mitsketcher zu treffen. Auf meinem Weg nahm ich die ersten Eindrücke der Lütticher Innenstadt mit. Die Architektur ist dort ganz anders als man es in Deutschland kennt, und auch wenn ich wenig über Lüttich als Jumpstarter der Industrialisierung weiß, fühlte ich dort doch das industrielle Flair des 19. Jahrhunderts.

Schließlich kam ich dann bei der Basilique Saint Martin an und wurde herzlich begrüßt. Das ist, was ich am Urban Sketching mit am meisten liebe. Man kommt irgendwo hin, trifft Menschen, die man gar nicht kennt, und man macht einfach sein  Ding. Da nicht viel Zeit an diesem Ort blieb, kritzelte ich hier nur schnell eine kleine Skizze. Von hier aus zogen wir in das Coeur Historique, also den historischen Kern Lüttichs, vorbei an interessanter Architektur und auch einigen Sketch-Kollegen. Besonders gefiel mir die Caritas Skulptur. Ein Junge und ein Mädchen halten sich an ihr fest, wodurch sie zur Säule der beiden wird, die allerdings nicht getrennt von ihr zu betrachten sind, sondern einen Teil von ihr darstellen.

Weiter ging es bis zum Montagne de Bueren, dessen 374 Stufen wir allerdings nicht erklommen, sondern von wo aus wir uns in eine Seitengasse zunächst in Richtung eines idyllischen Bistrós und dann des Coteaux aufmachten, wo wir dann einen sagenhaften Blick auf die Stadt genossen.

Die Zeichnung des Montagne fertigte ich später zu Hause an, die Zeichnung der Häuser der Stadt skizzierte ich vor Ort. Das Bild der Brasserie Curtius begann ich zwar vor Ort, beendete es jedoch zu Hause. Mit von unserer Partie war Rene, einer der Mitbegründer des Dessiner Liège vor vier Jahren, der auch von Anfang an bei den Urban Sketchers dabei ist.

Hiernach gingen wir hinunter zum L’Aérofloràle des Métamorphoses Festival, wo die Performance „Ouroboros“ stattfand und wo wir einige Eindrücke skizzierend einfingen. Das Aérofloràle war ein Survival-trifft-Kunst Projekt, bestehend aus einer in Steampunk Manier angelegten Selbstversorgungsplattform, an der Artisten und Musiker an Kletterseilen hingen und 1920er Jahre Stücke (z.B. das Wolgalied) live spielten. Am letzten Tag wurde diese Konstruktion im Rahmen der Gesamtinszenierung zerstört.

Dann war es Zeit, zur ESA Saint-Luc zurückzugehen. Man glaubt nicht, wie schnell so ein Tag verfliegt, wenn man ihn mit Zeichnen verbringt. Die Vernissage/Exposition unserer Werke stand an, und mein Zug würde auch bald zurückgehen. Vor Ort skizzierte ich noch schnell in ein paar Strichen einen belgischen Oldtimer von 1925 (vielen Dank an 7.62 photographie – baudouin litt für die Aufnahme!), mußte dann aber leider schon zügig los. Ich hätte gern noch etwas Zeit mit den anderen Urban Sketchern vor Ort gehabt, schade!

Ich danke dem Dessiner Liège 2018 Team ganz herzlich für die tolle Orga und meinen Mitsketchern für den schönen Tag…

Zum Abschluß sah ich, als ich entlang der Maas zurück zum Bahnhof Guillemins ging, noch ein außergewöhnliches Wetterphänomen, nämlich einen Halo. Es ist bereits der zweite, den ich dieses Frühjahr gesehen habe. Immer wieder zauberhaft…

Halo

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