Zeitenkinder (Roman)

Roman

„Der kleine Junge wachte auf von seinem Nachttraum, rieb sich die Augen und starrte ins dämmrige Halblicht, in das der Mond das Zimmer tauchte. Die klare Erinnerung an die soeben noch erlebte und jetzt surreale Reise war ihm deutlich vor Augen, und er ging, wie üblich, alles Schritt für Schritt durch.
Er war in einer für ihn jetzt fremden Stadt gewesen und hatte dort mehrere Leute in einem ihm jetzt fremden Haus getroffen. Zusammen hatten sie Dinge besprochen und Pläne geschmiedet, in der Luft hatte der mystische Geruch von Kaffee und Sehnsucht gelegen, und die Gespräche und Gefühle hatten sich um künstlerische und philosophische Themen gerankt, immer mit dem faszinierenden Timbre des Gesellschaftstheoretischen.
Kilian runzelte die Stirn und versuchte, das gerade Erlebte zu verstehen und einzuordnen, aber es gelang ihm nicht. Mittlerweile hatte der Neunjährige durch die Traumerlebnisse der vergangenen vier Jahre begriffen, dass ein Erzwingen von Erkenntnissen über just verlassene Traumgefilde nicht besonders ergiebig war und sogar kontraproduktiv sein konnte, also ließ er ab vom tiefen Grübeln und schloss seine Augen wieder. Präsent war noch das Gefühl des Traumes, von Unruhe geprägt und von etwas, das ihm hier und jetzt fremd war – von dem er jetzt eine beinahe berauschende Ahnung bekommen hatte. Doch er verstand jetzt nicht, was das war. Wie eine Melodie schien es ihn zu durchziehen, doch fühlte er, dass dies irgendwie lebendig war und wie ein Rätsel seine Neugier auf sich zog, als ob es seine Aufmerksamkeit bedingte. Er schlief wieder ein.
Wieder befand er sich in einem Café. An einer Art Kleiderständer hingen Zeitungen, und andere Menschen um ihn herum sprachen miteinander. Rege Unterhaltung. Zigarettendunst, eine Art verlorene Poesie, sie waberten durch die Luft, Gesichter mit Interesse an Lebensdingen. Von irgendwo her spielte Musik; entrückt nahm er wahr, wie fremd er sich fühlte, und da war auch ein Stückchen Heimat in all dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören, nirgendwo wirklich anzukommen, ein Vagabund zu sein, ein Wächter all dessen, was verloren zu sein schien und was die Menschen vergessen hatten. Der Träumer saß an seinem Tisch, allein, ein Buch studierend und schaute nur dann und wann aus sich heraus, wie wenn er eine andere Welt besah; die Erde nur ein vorübergehendes Phänomen, in das man am Morgen eintrat wie in einen speziellen Club, den man dann auch des Nachts wieder verließ, um in die ewigen Jagdgründe zurückzukehren. Was ihn dort draußen befreite, das machte ihn hier einsam, auch wenn oder gerade weil die Fäden aller Welten sich in einem selbst zusammenfanden. Er starrte auf seine geschwungene, weiße Kaffeetasse, das schwarze, philosophische Gebräu darin dampfend und fühlte, wie die Musik gleich einem merkwürdigen, silbernscheppernden Glockenklang seine Seele aufsog.
Wo war er, wenn er dachte?
Das silberne Scheppern hielt ununterbrochen an, und während er auf das Licht der Kerze auf dem Tisch blickte, begann die Flamme größer und größer und heller und greller zu werden. Gebannt starrte Kilian in das Feuer, und dann umschlang ihn das Licht, es waberte wild flackernd um seinen Körper, und alles wurde transluzent!
In der Ferne läuteten die Glocken. Das Kind erwachte wieder…“