Eine Reise: Venetien, Toskana & Lombardei

Im Juni 2018 erfüllte ich mir den Wunsch, nach Italien zu fahren. Bereits mit sechzehn, während der Schulzeit, belegte ich neben der Schule freiwillig einen Italienischkurs, weil mich italienische Musik ansprach und ich mich außerdem schulisch bedingt mit der lateinischen Sprache intellektuell beschäftigte. Ich nahm mir damals vor, irgendwann einmal „die alten Römer“, deren Herkunft der Legende nach in Romulus und Remus begründet liegt und damit thrakische Verbindungen aufweist, zu besuchen, denn es schien mir, daß in Italien vieles noch „irgendwie römisch“ sein mußte. Auch das Etruskische hatte mich früh interessiert. Mit den Jahren träumte ich dann einiges in meinen nächtlichen Träumen über Italien zusammen, auch von Angelegenheiten, von denen ich bis dato nichts gehört hatte und das machte es noch reizvoller: würden meine Träume dem realen Italien entsprechen? (Hierzu hauptsächlich mehr in meinem Artikel über meine Romreise im Dezember 2018, den ich noch schreiben werde.)
So bastelte ich mir meine Reise nach verschiedenen kulturellen Gesichtspunkten zusammen.

Mailand (Milan) -> Verona -> Florenz (Firenze) -> Arezzo -> Desenzano -> Sirmione & Grotten des Catull (Grotte di Catullo)

Zunächst fuhr ich über Mailand nach Verona, die Stadt Romeos und Julias, deren antiker Vorläufer in Ovids Metamorphosen in der Geschichte von Pyramus und Thisbe zu finden ist. Aus irgendeinem Grund hatte ich mal von einem Platz in Verona geträumt, und als ich vor Ort war, war ich irgendwie nicht überrascht: der Piazza delle Erbe entsprach  meinem Traum.

„Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren,
und Liebe wagt, was Liebe irgend kann.“
( Shakespeare: Romeo und Julia II, 2.)

Wieso und weshalb man solche Dinge träumt, sei dahingestellt. Es war jedenfalls großartig, einmal lebendig vor Ort zu sein. Verona gefiel mir außerdem derart gut, daß ich überlegte, dort vielleicht in der Zukunft mal eine ganze Woche zu verbringen. Immerhin ist es ein ideales Portal nicht nur nach Venedig, sondern auch hin zum Gardasee und nach Südtirol. Davon abgesehen ist die Stadt einfach wunderschön, ein Kleinod, von dem wir hier in Deutschland nur träumen können. Ach ja, wie ich ja dann auch getan hatte… Es war auch am Piazza delle Erbe, an dem ich meinen, wie ich finde, bisher schönsten Urban Sketch zeichnen sollte. Ich war so beseelt an diesem Platz, daß einfach alles zusammenpaßte.

Als ich zuvor in Mailand im Café am Bahnhof saß, um auf meinen Zug nach Verona zu warten, fühlte ich mich bei Weitem noch nicht so wohl, denn ich wußte Italien und die Italiener überhaupt nicht einzuschätzen, mir fehlten zunächst die kognitiven Referenzen und auch die faszinierende Architektur des Mailänder Bahnhofs konnte mich erstmal gar nicht auffangen.

Da stand ich nun wie ein Ochs vorm Berg bei den Römern und mußte über mich selbst lachen. Das Gefühl, das sich in Mailand in mir breitgemacht hatte, entsprach eher dem eines gejagten, scheuen Rehs. In so einem Moment ist das Zeichnen pure Flucht, eine eskapistische Brücke hinaus aus der materiellen Umgebung, und stellt dabei eine recht schöne Medizin dar.

Italien 3

Doch dementsprechend wirkt dann auch das Bild. Das ausgeprägte Nichtdaseinwollen, das beim allerersten Kontakt manchmal entstehende Nichtanknüpfenkönnen, kommt voll zur Geltung. Man könnte es eine Art Fremdeln nennen. Da ich das von mir auf Reisen und aber auch allgemein im Leben kenne, behandelte ich mich selbst mit Nachsicht und fütterte mich. Verona sollte mir das deplatzierte Gefühl einige Stunden später allerdings komplett nehmen. Ich verliebte mich sehr!

Von Verona aus ging mein Weg dann weiter über Bologna nach Florenz. Ich hatte keine Ahnung von der Art italienischer Bahnbelange, war also einerseits überrascht darüber, wie pünktlich hier alles tatsächlich verlief. Das sollte sich auch die ganze Reise über so bewähren. Offenbar kennen die Italiener, die mir gegenüber das italienische Bahnnetz verfluchten, die Deutsche Bahn und ihre Tücken nicht. Andererseits war es irritierend, daß man auch bei Fahrten, die Umstiege erforderten, erst am Bahnhof vor Ort das Gleis der Weiterfahrt erfuhr, indem man aussteigen und die aktuelle Abfahrtentafel im Bahnhof beobachten mußte. Denn erstens wurde vorher nie ein Gleis bekannt gemacht, zweitens konnte sich das Abfahrtsgleis jederzeit ändern. Für mich, die ich so etwas als seelisches Bedürfnis unbedingt gern Stunden im Voraus weiß, zunächst ein Horrorszenario. Aber so trainierten mich die Italiener unfreiwillig darin, mich darauf zu verlassen, daß „es schon hinhaut“.
Nach der anfänglichen Unsicherheit und dem problemlosen Umstieg in Bologna genoß ich die Weiterfahrt, den famosen Ausblick auf die italienische Landschaft und die, wie ich fand, so römische Architektur, die sich perfekt in diese Landschaft eingliederte – was für ein Luxus für die Augen! – war aber wieder verdutzt, als es nach Bologna in einen Schnellzugtunnel ging. Ich hatte eigentlich den Landschaftsverlauf beobachten wollen, und nun war ich fast eine Stunde mit dieser düsteren Dauerröhre konfrontiert. Einerseits ein Hochgeschwindigkeitsluxus, andererseits für mich in dem Moment etwas traurig, weil für mich der wahre Luxus einer Bahnfahrt unter anderem in der Aussicht liegt. Mein Sitznachbar, ein junger Mann aus Florenz, mit dem ich ins Gespräch kam, klärte mich dann darüber auf, daß es auf dieser Strecke die unterirdischen Hochgeschwindigkeitstrassen sowie auch die oberirdischen Regionalzüge gibt. Trotz des mir versagten Ausblicks war ich dann ganz froh, die schnelle Variante erwischt zu haben, denn ich sollte die Woche über noch genug Zeit in Zügen verbringen. Außerdem beeindruckte mich die Ausführung dieser Idee, und es gehört dazu, auch das als Erfahrung einmal mitzunehmen.
In Florenz angekommen, ging ich zu Fuß zu meiner Unterkunft. Zunächst einmal mußte ich mich durch Massen von Touristen kämpfen, und mein Rucksack und die Sonne machten das nicht gerade zu einem Vergnügen. Rucksack und Sonne, damit kann ich an sich noch umgehen, aber Menschenhorden finde ich einfach grausam. Zum Glück siebte es sich mit zunehmendem Abstand zum Stadtzentrum aus, und ich hatte mir in weiser Voraussicht ein Zimmer genommen, das etwas ab vom Schuß lag. Mir fiel auf diesem ca. halbstündigen Fußweg übrigens zum ersten Mal auf, daß die Menschen in Italien sich anders aus dem Weg gehen als die Deutschen. Die Italiener weichen erst in letzter Sekunde aus, die Deutschen gehen schon zwei Meter voher einen Schritt zur Seite. Ein interessantes Phänomen.

Meine Unterkunft stellte sich als der Glücksgriff überhaupt heraus. Es handelte sich hierbei um eine Villa vergangener Tage im ruhigeren Nordwesten der Stadt, die äußerst gepflegt in ihrem Originalzustand erhalten worden war, ein altes, italienisches Juwel. So hatte mein Zimmer roten Marmorboden, Gartenblick, war künstlerisch dekoriert, groß und wirkte eher wie einem Gemälde Vermeers oder meiner schönen Träume entsprungen. Ich war im Siebten Himmel!
Die Besitzerin empfing mich mit der entspannten, ruhigen Herzlichkeit, die ich noch so häufig in Italien antreffen sollte, und erklärte mir Florenz im Schnelldurchgang. An sich sehnte ich mich nur nach einer Dusche, aber ich ließ mir geduldig alles erklären, denn nichts geht auf Reisen über die Hinweise der Menschen vor Ort und war froh, es so gut getroffen zu haben. Was ist schon schöner, als wenn alles, wirklich alles, zusammenpaßt und man sich auf Anhieb wohlfühlt?

Meine ersten Ziele in Florenz waren der Giardino di Boboli hinter dem Palazzo Pitti und der Giardino Bardini mit kurzem Zwischenstop auf dem in der Junisonne unerträglich heißen Piazzale Michelangelo.

Lange habe ich es in der Gluthitze auf dem Piazzale nicht ausgehalten. Ich wollte von dort aus die paar Kilometer eigentlich auf der Hügelkette zum Boboli/Bardini laufen, die Sonne machte mir aber einen Strich durch die Rechnung, und ich nahm folglich den Bus zum Eingang des Boboli. Für die Erkundung dieser Gegend hatte ich einige Stunden eingeplant, aber eigentlich muß man sich mindestens einen ganzen Tag hierfür nehmen, denn es gibt hier so viel zu sehen.

Vom Boboli aus gelangt man recht leicht zum Giardino Bardini (Referenz ist hier Stefano Bardini), der ein wenig versteckt oben auf der Anhöhe liegt. Der Renaissance Parkgarten Bardini mit grandiosem Blick auf die Stadt von der anderen Seite des Arno aus schien mir ein idealer Abschlußort für meine Erkundungen des ersten Tages, denn an diesem Abend fand dort ein kleines Konzert einiger Studenten der Florentiner Opernakademie im Rahmen des Maggio Musicale Fiorentino unter dem Titel „Finale D’Atto“ (deutsch: „Letzter Akt“) statt. Die Sänger und Sängerinnen waren begnadet, ich war überwältigt. Besonders die spanische Sängerin Carmen Buendía haute mich mit ihrer außergewöhnlichen, starken stimmlichen Darbietung von „Come scoglio“ der Fiordiligi (Cosí fan tutte, Mozart) um, und der Ort, dieser zauberhafte Raum in der Villa Bardini, unterstrich das Schöne dieses Abends.
Vor dem Konzert hatte ich noch anderthalb Stunden Zeit, gönnte mir einen Kaffee im Gartencafé, wo ich ein wenig zeichnete, ging spazieren und zeichnete eine Weile auf einer einsam liegenden Sitzbank hinter der Villa, mit genialem Blick auf die Stadt.

Ich fand es wunderschön, in dieser touristenüberlaufenen Stadt den ganzen herrlichen Fleck für mich allein zu haben. Erst kurz, bevor ich gehen wollte, entdeckten die Ecke dann doch noch einige Leute („Oh, jemand zeichnet! Hin! Da muß es ja schön sein!“ :D). So entstand dann dort immerhin auch das Foto von mir, ein schönes Souvenir…

Es ist noch nicht lange her, daß Besucher Zutritt zum Giardino Bardini haben, und ich freue mich, daß ich das für mich entdeckt habe, zumal ich hier mit dem Canale del Drago eine „drachische“ Kulturanbindung vorfand, was in Anbetracht von Stefano Bardinis Interessen nicht verwunderlich ist. Aber das war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht geläufig. Meine Reisen stelle ich immer intuitiv zusammen, wenn ich an einem Ort noch nicht gewesen bin, und so bin ich dabei darauf angewiesen, mich ein wenig auf mein Glück zu verlassen, was für gewöhnlich besondere Momente hervorzaubert. Meines Erachtens nach ist das auch eine der schönsten Arten und Weisen, eine neue Gegend zu erkunden, denn so läßt man der Magie des Ortes ihren Platz im Raum des Geschehens. Der erste Kontakt darf ruhig relativ naiv angegangen werden, um dem neuen Gefüge die Möglichkeit zu geben, sich einem vorbehaltlos zu zeigen und einem auch Unbekanntes zu offenbaren.
Wie immer versuchte ich, möglichst viel zu Fuß abzulaufen, weswegen ich den Rückweg nicht mit dem Bus zurücklegte. Ich ging stattdessen durch die Gassen den Berg hinunter und überquerte dann den Arno über den Ponte Vecchio. Es war bereits Goldene Stunde, und das Licht war unbeschreiblich.

Zurück in meiner Villa lernte ich am nächsten Morgen, dem Tag des Sommeranfangs und der Sommersonnenwende, am gemeinsamen Frühstückstisch meinen Villa-Mitbewohner aus Moskau kennen. Ein recht entspannter, junger Informatiker, der, wie ich, allein auf Kulturpfaden unterwegs war. Wir schwärmten uns gegenseitig von der Freiheit, allein zu reisen vor, wobei trotzdem wieder einmal deutlich wurde, daß das in Männeraugen offenbar recht skeptisch beäugt wird, wenn eine Frau dies für sich in Anspruch nimmt – der Frau könne ja etwas passieren (dem Mann nicht, oder wie?). Aber mit dieser Skepsis anderer, von Männern wie Frauen, im Nacken bin ich seit jeher unterwegs, und ich lächle müde darüber. Ja, selbstverständlich kann etwas passieren, aber das kann es auch am eigenen Wohnort. Dazu kann ich nur sagen: der Selbsterhaltungstrieb sollte die Neugier nicht begrenzen, denn dann ist man nicht mehr frei.

Nach meinem Frühstück, das vom Hausherrn Diego liebevoll im familiären Frühstücksraum in der oberen Etage der Villa hergerichtet worden war (mein erster italienischer Mokka! Ich hab‘ ihn prompt falsch getrunken…), lernte ich Minibusfahren. Auch das etwas, das ich so von Deutschland her nicht kannte, was ich aber im Rahmen der notwendigen Verkehrswende gar nicht so schlecht für Deutschland fände. Für diesen Tag hatte ich über Mittag bis zum Nachmittag einen ausgedehnten Besuch der Uffizien angesetzt, und so schnappte ich mir den Minibus, der bis zum Galileo Galilei Museum am Arno in der Nähe des Ponte Vecchio fuhr und spazierte ein wenig durch die Gegend, um mich zu orientieren. Strahlende Sonne, blauer Himmel, es war wunderbar.

Das Uffizien Ticket hatte ich in weiser Voraussicht schon vorher gebucht, ich mußte nur noch zu meinem Zeitfenster hineingehen. Deswegen setzte ich mich vorher noch eine halbe Stunde in ein kleines Bistro-Café in der Nähe, um einfach ein wenig die Szenerie zu beobachten, etwas, das beim Reisen so inspiriert.

Die Warteschlange am Eingang der Uffizien war zum Glück recht kurz, ich mußte nur etwa fünf Minuten warten – und dann stand plötzlich hinter mir mein Moskauer Mitbewohner. Ein netter Zufall, wir hatten uns nicht abgesprochen. Wir plauderten ein wenig über Kunst, ich machte ihm dann aber klar, daß ich im Museum allein sein wollte, denn ich wollte mich ganz auf die Exponate konzentrieren und ohne Begleitung dort sein, um nicht abgelenkt zu werden. Wir wünschten uns gegenseitig viel Freude und verabschiedeten uns dann. Ich verbrachte vier Stunden dort, ohne, daß ich die Zeit vorbeirasen merkte. In den Uffizien braucht man wirklich viel Zeit, und ich habe in den paar Stunden nicht alles ansehen können.

Wenn ich mich im Kopf etwas sortieren wollte, setzte ich mich und zeichnete einfach selbst. Auf dem Balkon der Uffizien gab es eine freie Sitzbank, und von dort aus hatte ich einen hervorragenden Blick auf den nahegelegenen Torre Faraboschi.

Nachdem ich gleichzeitig hyperangefüllt mit Erkenntnissen und Informationen, dadurch etwas erschöpft, aber auch euphorisch (Lapislazulifarbe!), die Uffizien verlassen hatte, suchte ich eines der veganen Restaurants auf, die ich mir im Vorfeld herausgesucht hatte und aß das vermutlich sexieste Tiramisu meines Lebens…
Überhaupt habe ich auf dieser Italienreise sehr positive Erfahrungen mit veganen Restaurants gemacht. Wenn ich allein reise, dann suche ich mir fast ausschließlich, so weit in der Umgebung vorhanden, vegane Restaurants, nicht zuletzt, weil ich es liebe, die unterschiedlichen Konzepte zu entdecken, aber auch, weil ich dann niemandem mit meiner veganen Ausrichtung auf den Sack gehe. Nicht jeder, der mich begleitet, ist flexibel genug, in veganen Restaurants und Cafés mit mir Einkehr zu halten; einige haben sogar Angst davor, das rein Pflanzliche könnte ihnen nicht gut tun, sie trauen dem, was sie nicht kennen einfach nicht und bleiben lieber bei ihren altbewährten Gewohnheiten. Deswegen ist es total schön, wenn ich dann in dem Punkt auf andere mal nicht achten muß und mich ganz in meine eigene Welt begeben kann. Eben die Vorteile des Alleinreisens…
Trotzdem hat beides für mich seinen Reiz, denn ich reise genauso gern in Begleitung, und da ist dann der Kompromiß für mich oft nur ein kleiner Abstrich.

Ich hatte noch Dinge vor, deswegen machte ich erst einmal gediegen Pause. Es war der 21. Juni, der Tag der Sommersonnenwende, und am Abend wollte ich mich mit einigen florentinischen Circle Singers treffen, um mit ihnen im Säulengang der Uffizien zu singen.

Arezzo

Desenzano Del Garda & Sirmione

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