Rom – Der Lichtschacht der Rotonda

Am vergangenen Wochenende (Dez. 2018) habe ich drei Tage in Rom verbracht und den Traum, den ich seit meinem 21. Lebensjahr hegte, wahrgemacht. Ich habe das Pantheon besucht – oder besser: das heutige Monotheon. Kurz zur Architekturgeschichte: diese Bauform findet man bereits bei den Etruskern und Thrakern, wie auch in anderen antiken Kulturen.

KULTURELLER TRANSFER

Ich finde es bezeichnend, daß man in der christlichen Version, die das ursprünglich pagane Gebäude entweiht (oder „abgelöst“) hat, nicht das Sancta Sanctorum, also den schwarzen Ring (schwarz-roter Marmor; Erde) in der Mitte betreten darf, der den Gegenpol zum „Weißen Loch“ (Licht; Himmel) in der Decke der Kuppel bildet. Stattdessen ist dieser Lichtschacht abgetrennt durch ein schwarzes Abtrennband an goldenen Haltern in Pentagonform.

Diese Handhabe der Abtrennung vom Wesentlichen des Gebäudes, also seiner Mitte, ist an sich unrömisch und unpagan, denn im Paganen wäre wohl das Ziel gewesen, jeden Einzelnen in die Mitte und damit in seine eigene Mitte anzuleiten („das wahre Selbst“; ref. Zoroaster; ref. Platos Anamnesis). Man respektierte zu jener Zeit das Unbekannte des „Anderen“, auch das, welches nicht dem römischen Glaubenssystem zuzuordnen war, eine Praxis, die bereits bei den Athenern Anwendung erfuhr. Das römische Christentum hingegen begann, begünstigt durch Konstantin den Großen, dezidiert sakral auf staatsrechtlicher Ebene zu agieren, wodurch es in der Spätantike zum endgültigen Bruch kam und was nicht zuletzt zur Entstehung des Byzantinischen Reiches unter Iustinians Herrschaft führte. Pagane Elemente wurden dabei sukzessive nicht nur mit anderen Vorzeichen übernommen, sondern auf allen Lebensgebieten, sei es in der Architektur, auch verfremdet. Im Laufe der Zeit ging das Wissen der Antike in der Allgemeinbevölkerung durch Verschiebungen so nicht nur verloren, es fand auch ein „aktives“, forciertes Vergessen ehemaliger Zusammenhänge statt: religiöse und weltliche Institutionen verschmolzen mehr denn je und legten dogmatisch fest, wer was wie wissen und wer wo wie agieren durfte. Ein strenges, militärisch organisiertes Regiment sorgte hierbei für Einhaltung der sich neu formierenden Traditionen in Ost und West.
Solche Rückschläge in der intellektuellen Evolution der letzten zwei Jahrtausende wirken sich, trotz Aufklärung und Moderne, bis heute auf unseren Umgang mit Wissen aus. Moderne Brüche durch Weltkriege, Eisernen Vorhang und Wirtschaftsfaktoren tun ihr Übriges. Nur Wissenschaft und Museen – und das meist nur unzureichend und in Stückwerk – können letztenendes das, was übrig ist, als historisches Wissen zurück in die Bevölkerung reflektieren.
Mit dem Voranschreiten der Zeit haben sich die Denkweisen der Menschen vor den verschiedenen Erfahrungshintergründen  in den verschiedenen Regionen gewandelt. Die Menschen verändern dabei durch Wechselwirkungen von politischen und sozialen Strukturen und technologischem Wandel ihre mentalen und lebensweltlichen Orientierungen laufend, so daß in Frage steht, ob man von einer Kontinuität des Wissens und der Information sprechen kann und wie anhand von Merkmalen historischer Stringenz auf der Ebene kultureller Verflechtungen in die verlorene Lebenswelt der Spätantike untergegangenen Kulturausformungen Einblick erhalten werden kann.

VERSCHIEDENE PERSPEKTIVEN AUF „LICHT“

Das Pentagon symbolisiert traditionell die Quintessenz, die der Lichtschacht oder respektive die sogenannte Gottsonne (das Opaion/Auge) und damit Pallas (Balance/Achse/Säule) repräsentiert (bei den Ägyptern: der Apfel). Ehemals, so wird vermutet, wird in jeder Kassette der Kuppel des Pantheons ein Stern eingemalt gewesen sein.
Das Licht spielte in der Antike und Spätantike in verschiedenen älteren und jüngeren voreuropäischen und später europäischen Kulturausformungen eine zentrale Rolle. Es hatte verschiedene funktionale Bedeutungen inne, beispielsweise Wissen, Blitz, Sonne, Stern/Blume und Lichtstrahl/Kosmische Leiter und wurde den jeweiligen Referenzen und Funktionen entsprechend teils unterschiedlich dargestellt. Je nach Zweck- und Bedeutungsebene wurden so unter anderem materielle Faktoren wie Herkunft, Abstammung und politische Machtverhältnisse, aber auch immaterielle Faktoren wie intellektuelle Energie, die Unsterblichkeit derselben im Sinne von Wissen bzw. Information und nicht zuletzt die Gottsonne („Zentralgestirn“) repräsentiert.
Bis heute weisen Kulturen Europas Identifikationsmerkmale antiker Lichtsymbolik in ihren religiösen und anderweitigen kulturellen Strukturen auf, die bereits bei den Thrakern und ihren zeitgenössischen Parallelkulturen sowie Protokulturen auszumachen sind. So findet man entsprechende Anlehnungen durch den kulturellen Transfer nicht zuletzt im west- und osteuropäischen Christentum. Daß im europäischen Schwarzmeerraum noch heute aktiv an antiken Symbolformen festgehalten wird, schafft die Notwendigkeit des Rückblicks beispielsweise in die Geschichte der Kulturen des Pontus Euxinus Raumes (das Schwarze Meer) und in die hier angesiedelten kulturellen Transferbereiche. Diese liegen zwischen Orient und Okzident und reichen in Richtung Westeuropa als auch in Richtung Asia Minor und den persischen Raum hinein, wo sie für Wechselwirkungen und Nachhall auf verschiedenen Ebenen sorgen.

Ursprünglich war das Pantheon den zwölf Göttern und dem regierenden Herrscher gewidmet. Die Bauidee begann ca. 27 bis 25 v. Chr. und die Patrone sind Venus, Mars und Julius. Zugrunde liegt dem Pantheon das hellenische Panthea Konzept.

Ich präsentiere: La Rotonda! 1700 Jahre lang der größte Kuppelbau der Welt…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s