Schnelle Skizzen im winterlichen Dresden

Eines unserer Vorhaben war, in Dresden einige Eindrücke per Stift einzufangen. Ich hatte diesmal keine besonders große Lust, viel zu fotografieren, denn das Licht gab nicht viel her, es wurde viel gebaut und außerdem wollte ich die Stadt auf mich wirken lassen. Die Eiseskälte und dadurch taubgefrorenen Finger hielten uns dann auch nicht davon ab, im Stehen beiläufig Konturen auf’s Papier zu werfen. Wenn es zu fies wurde, erinnerten wir uns an vorangegangene gemeinsame Reisen:“Denk an Sacré Coeur!“ und fluchten ein wenig in uns hinein; das half.

Diese Kurzreise in die Stadt August des Starken (August II.) hat mich berührt und nachdenklich gemacht. Einerseits war ich beeindruckt von den Monumentalbauten am Elbufer, die seiner Zeit sehr geschickt platziert worden sind. Auch zeigt die Stadt, daß man auch heute noch klassizistisch und barock bauen kann, wenn es gewollt wird. Andererseits ist die Art und Weise, wie diese alte Stadt neu zusammengestellt wurde, von der Art: nicht geglückt. Es wurde nicht beachtet, daß die Altstadt anständig abgegrenzt werden müßte. So wirkt alles irgendwie zusammengewürfelt und konturlos fragmentiert. Es hat aber wohl damit zu tun, daß schlecht kommuniziert wird, es keinen ästhetischen Konsens gab, noch gibt und zudem die Mittel fehlten und fehlen.
Der Bereich um die Frauenkirche und die Brühlsche Terrasse gehen eher in den Bereich, wie ich persönlich mir „Stadt“ vorstelle.

Für meine Begleitung war das wiederum alles „zu südlich“, und wieder einmal stellten wir fest, daß wir uns selten überein sind und uns dennoch unglaublich gern haben, was irgendwie urig ist. Hierbei entstehen die für mich so amüsanten Unterhaltungen unserer Gegensätze, die unsere eigentliche Fremdheit so familiär und humorbesetzt machen. Was macht Freundschaft aus? Jedenfalls nicht unbedingte „Gleichheit“. Über eines waren wir beiden uns allerdings sofort einig: die Semperoper hatten wir uns größer vorgestellt. Der übliche Spruch kam, wie immer bei solchen Gelegenheiten (dasselbe passierte uns beim Eiffelturm von allen Türmen), über unser beider Lippen:“So ein Futzelteil!“ und „Das wirkt aber klein von außen! Ich bin jetzt irgendwie ganz enttäuscht.“ Man fragt sich in solchen Momenten, was man sich da im Vorfeld im Kopf zusammengereimt hat. Da wir am folgenden Abend die Gelegenheit hatten, die Oper beim „Fliegenden Holländer“ von innen kennenzulernen, konnte ich dann die Unwucht meines fassadenbasierten Urteils zumindest mit meinem Eindruck des architektonischen Innenlebens konterkarieren. Interessant ist unter anderem der Schmuckvorhang in Anlehnung an die Mythologie. Vom IV. Rang aus betrachtet hätte die Höhe dann im Übrigen jeden Kandidaten mit Höhenangst erfolgreich verscheucht.
Zum Stück: Mir gefiel Florentine Kleppers Inszenierung dieser Soulmate Story Richard Wagners außerordentlich gut, auch wenn ich sie vielleicht nicht in ihrem Sinne interpretiere (das weiß ich nicht). Meine eigene Interpretation der Geschichte wird durch ihre Szenen jedenfalls hervorragend unterstrichen, und mir stand die Kinnlade wortwörtlich offen, was man ja nicht so oft erlebt. Auch die Musik unter John Fiore war einfach genial – auch wenn es etwas traurig ist, daß wir Christian Thielemann als musikalische Leitung um nur ein Datum verpaßt haben. Die Semperoper war jedenfalls der Ort der Uraufführung dieses Werks, anno 1843, und es war ein schöner Glücksfall, es hier selbst zum ersten Mal in meinem Leben zu sehen. Es hat alles zusammengepaßt, und ich kann mich nur wiederholen: Die Story ist ein richtiges Highlight!

Aber zurück zur Stadt. Dresden hat mich nicht zuletzt berührt, weil es mich, wie auch Weimar zuvor, mit einem Stückchen klassischer Stadt konfrontierte. Ich habe schon seit meiner Jugend den Drive August des Starken faszinierend gefunden, den kulturellen Ausbau Dresdens in Angriff genommen zu haben. Als ich damals zum ersten Mal von ihm hörte, war ich erstaunt über so viel kulturellen Antrieb und rannte oft durch die Gegend mit der Frage:“Kennst du August den Starken?“ (Unnötig zu sagen, viele wussten mit dem Namen nichts anzufangen.) Es war gut, das jetzt mal aus der Nähe zu betrachten, und ich muß wohl noch öfters hin, auch wenn ich jetzt das Gefühl habe, Dresden schon besser verstanden zu haben.
Zudem befand ich mich hier auf dem Boden potentieller und tatsächlicher Verwandtschaft, was ein merkwürdiges Gefühl ist, wenn man so entwurzelt lebt wie ich. Ich versuchte anzuknüpfen an Dinge, die ich im Prinzip nicht kenne und fühlte mich am Ende in dieser Stadt für einige Momente beinahe weniger fremd als in derjenigen, in der ich wahlweise lebe. Es mag an der zurückhaltenderen Art der dortigen Mentalität gelegen haben, die mir im Grunde zusagt. Vermutlich würde meine mir eigene Art mich aber dort am Ende doch in Teufels Küche bringen…
In der Neustadt, dem Stadtteil auf der anderen Seite der Elbe, fanden wir ein recht künstlerisch orientiertes, modernes Viertel in Gründerzeithäusern vor. Wir hielten Einkehr im V-Cake, einem komplett veganen Café/Bistro und gingen danach noch im Dunklen durch die Kunstpassage. Wie es so ist, hatten wir natürlich viel zu wenig Zeit, um uns einen wirklichen Eindruck über diesen Stadtteil zu verschaffen, aber es war schön, hier einmal einzudippen.

Und so ging unsere Zeit in Dresden schnell vorbei, und ich habe mir vorgenommen, auf jeden Fall wiederzukommen.
Auf der Rückfahrt wurde unser ICE im Übrigen über Bayern umgeleitet, deshalb fuhren wir unerwartet innerhalb von knapp drei Tagen durch sieben verschiedene Bundesländer: NRW, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Bayern und Hessen. Da der Zug unplanmäßig zwischen Erfurt und Frankfurt nicht mehr anhielt, hatten wir eine sehr angenehme, ruhige, fünfstündige Fahrt ohne Unterbrechungen. Für die einen ein Ärgernis, für mich ein Traum!

Rückfahrt Dresden
Der Himmel über Sachsen und Thüringen

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