Ein Streifzug durch Norditalien: Peschiera, Mantua, Padua & Venedig

Mai 2019

Im Schlafwagen brach ich auf in Richtung Verona. Es war meine erste Schlafwagenerfahrung, und ich muss sagen, ich fand das sehr romantisch, künstlerisch und inspirierend. Die Strecke bis Mainz hatte ich das gebuchte Abteil ganz für mich allein, und ich kam aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus. Wieso hatte ich all die Jahre diese Reiseart nicht ausprobiert und mich immer auf normale Züge berufen? Ich konnte dann Mainz gar nicht erwarten, denn dort sollte meine Reisebegleitung zusteigen, ein alter Freund, mit dem ich seit zwanzig Jahren durch Dickstes und Dünnstes gehe; eine dieser Künstler-Freundschaften, die es schon „vorher“ gegeben hat und von der wir uns ganz sicher sind, dass sie auch „nachher“ bestehen bleiben wird. Wir hatten bereits Rom zusammen erkundet, und jetzt wollten wir uns vom Gardasee bis nach Venedig umsehen.

Peschiera del Garda (Venetien) -> Mantua (Lombardei) -> Padua (Padua) -> Venedig („La Serenissima“, Venetien)

Zunächst ging es also nach Peschiera del Garda. Wir hatten eigentlich in Verona nächtigen wollen, entschieden uns dann aber für das am Gardasee gelegene Peschiera, das, wie das nicht weit entfernte Desenzano (mit Sirmione) auch, geschichtlich interessant ist. Wir wollten am Wasser sein.

Von Peschiera aus machten wir einen Abstecher nach Mantua, das als Manthva von den Etruskern gegründet wurde und namenstechnisch einen schamanischen Bezug aufweist. Tatsächlich ist Mantuas Namensgeschichte sehr interessant, denn sie wird einerseits der griechischen Seherin Manto, andererseits dem etruskischen Gott Mantus zugeschrieben.
Der Ortsname ‚Mantua‘, wie auch die Römer ihn nannten und die Mantovaner ihn immer noch nennen, hat mich letztlich auf der Rückfahrt über Verona und Südtirol nach Deutschland dazu inspiriert, ihn als Albumtitel für mein neues Album zu nehmen. Ich assoziierte von Anfang an die Farben Schwarz und Kobaltblau mit der Klangfarbe des Wortes, und seine Etymologie ist fantastisch, weil sie so umfassend ist und das Konzept meines Albums, das viel mit der Grundlage von Joiks zu tun hat, ideal unterstreicht.

Mantua ist der Ort, in dessen Nähe der römische Dichter Vergil geboren wurde. Mit Vergil beschäftigte ich mich letztes Jahrzehnt, und so konnte ich räumlich mit ihm anknüpfen.
Auch ist Mantua der Ort, an dem Shakespeares Romeo sich im Exil befindet, bevor die Tragödie mit Julia ihren Lauf nimmt. Da ich das Jahr zuvor in Verona übernachtet hatte, fand ich es nur konsequent, jetzt auch mit Mantua auf Tuchfühlung zu gehen. Romeo und Julia haben einen antiken Vorläufer in Ovids Pyramus et Thisbe, eine Geschichte, die mich schon mit fünfzehn Jahren faszinierte, denn es geht in Ovids Version um die Zeitalter, und die eigentliche Liebesgeschichte (die Wand, die Löwin) liest sich eher metaphorisch.
Mantua ist aber auch ein Ort der Gigantes. Im Palazzo del Te befindet sich die Sala dei Giganti. Hier wird der Sturz der Giganten dargestellt, im Jahre 1532 gemalt von Giulio Romano. Mantua Gigantua…

„Amant alterna Camenae.“
(„Es lieben die Musen den Wechsel.“)
Vergil, Eklogen III, 59 / Palaemon

Dann ging es weiter nach Padua. Unser albanischer Gastgeber in Padua führte uns in den Stolz der Paduaner über ihren historischen Standort ein, und ich konnte diesen Stolz gut nachvollziehen. Denn Padua war der erste italienische Standort einer freien, vom Vatikan unabhängigen Universität, konstituiert im Jahre 1222, und die Anstrengungen, die hierfür von den Bürgern aufgebracht wurden, müssen beachtlich gewesen sein, in einer Zeit, in der Päpste das europäische Wissen absolut zu beherrschen und anhand ihrer Agenda zu lenken suchten. So wurde in Bologna, der päpstlichen Universität Galileo Galilei bei seinem Gesuch nach einem Lehrstuhl abgewiesen, in Padua aber, der Stadt der Rebellen, fand er Aufnahme und Interesse für seine Herangehensweisen.

„Die Philosophie steht in diesem großen Buch geschrieben, das unserem Blick ständig offen liegt [, ich meine das Universum]. Aber das Buch ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die Sprache erlernt und sich mit den Buchstaben vertraut gemacht hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und deren Buchstaben sind Kreise, Dreiecke und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Bild davon zu verstehen; ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.“

Galileo Galilei, der in Padua einen Lehrstuhl innehatte, nachdem er in Bologna abgewiesen worden war. Aus dem „Saggiatore“ von 1623

Padua ist zudem die Stadt mit einem der größten innerstädtischen Plätze Europas, dem Prato della Valle.

Padua ist aber auch eine künstlerisch angehauchte Stadt. Besonders diese Wandverzierung fand ich wunderbar. Sie erinnerte mich an einen Traum, den ich einmal vor vielen Jahren gehabt habe, und das hat mich sehr berührt.

Und dann Venedig! Ein atlantisch anmutendes Juwel, das ich mit nichts vergleichen kann. Wir hatten wahnsinniges Glück: es war ein nicht allzu überlaufener Tag, und das Wetter war einmalig schön. Die blaue Stunde war in Venedig so magisch, daß ich den Eindruck hatte, in einer Fantasiewelt gelandet zu sein.

Diese fantastische Kulisse möchte ich deswegen einmal eine ganze Woche besuchen, um dort zu zeichnen. Es ist wahr, Venedig ist La Serenissima.


Die Toteninsel San Michele


Murano

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