Wilhelmshaven – auf dem Pfad der Windsbraut

Eine Reise im November 2019

Zu Wilhelmshaven an der Nordsee, dem Randmeer des Atlantischen Ozeans, empfinde ich eine merkwürdige Beziehung. Einerseits handelt es sich hierbei um meinen Geburtsort, andererseits bin ich dort seit meiner Kindheit bis neulich noch nie spazierengegangen. Sprich, ich habe die Stadt, außer während der wenigen, frühen Jahre, die ich dort verlebte, nie kennengelernt. So ist sie immer eine Art Konstrukt für mich geblieben, ein vages Schema, das ich zwar mit klaren Erinnerungen anfüllen konnte, dessen Struktur ich jedoch nicht verstand.

Ein Gefühl von Heimat für meinen Geburtsort oder die Geburtsregion konnte sich so nicht einstellen, denn dafür reichen die ersten fünf Jahre der Kindheit einfach nicht aus, und da sich dieses Gefühl auch an meinen anderen Wohnorten nie einstellen sollte, weiß ich bis heute nicht, wie es ist, eine „Heimat“ zu haben.
Das hat mich lange Zeit gleichzeitig bedrückt und auch befreit. Denn was man nie kannte, das wünscht man sich herbei und wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht, dann ist man zunächst einmal etwas verloren, weil man nach Orientierungspunkten greift, die nicht vorhanden sind. Aber was man nie hatte, das hat man auch nie verloren, und so hat man automatisch eine Form der Befreiung gewonnen, die ein stark verwurzelter Mensch nur sehr schwer erlangen oder gar nachvollziehen kann.
So blickte die Melancholie, die mich in meinen Zehnerjahren viel begleitete, in meinen Zwanzigern schließlich auf das Gefühl der Befreiung, und ich lernte langsam, mein Glück der inneren Losgelöstheit, das mir ja quasi von Natur aus zuteil war, wertzuschätzen. Denn frei wie der Wind zu sein, das ist in einer Welt wie dieser nicht selbstverständlich.

Fotos: die Windsbraut im Nassau Hafen; Skulptur von Hartmut Wiesner, 1994. Von Hartmut Wiesner ist auch die überdimensionierte Bronzescholle (Plattfisch) in der Parkstraße, die ich 1984 als Vierjährige nach der Installation mit großer Neugier inspizierte und dabei feststellte, daß ich fantasievolle Ausarbeitungen präferiere.

Was ist Wilhelmshaven nun für eine Stadt? Zunächst einmal will ich einwerfen, daß meine frühen Erinnerungen sich 1:1 mit meinen Beobachtungen 2019 decken, davon abgesehen einmal, daß die Stadt um 34 Jahre gealtert ist. Ich empfand sie schon mit vier Jahren nicht als „Stadt, in der ich leben wollen würde, wenn ich älter wäre“, sehnte mich stattdessen nach einer „richtigen Großstadt“, und ich muß an diese Erinnerungen mit einem Lächeln zurückdenken. Kindergeist tut eben Wahrheit kund.
Aber warum ich damals diesen Gedanken so stark empfand, erschloß sich mir erst bei meinem Besuch Mitte November. Die Stadt erschien mir nämlich wie ein fragmentiertes Experiment. Fast jede Straße wechselt der Baustil, als habe man sich dort absichtlich stadtplanerisch derart ausprobiert, daß es dabei nie um ein einheitliches Stadtbild ging, sondern immer nur um Möglichkeiten, herauszufinden, wie man möglichst viele verschiedene Stile pro Straße einbringen könne, um zu testen, was denn nun schön und gut sei. So oder so ähnlich muß die Fragmentierung zustandegekommen sein (ich werde das noch recherchieren und freue mich über Hinweise!).
Tatsächlich sind die Straßen teilweise sehr schön, einiges mutet dort dänisch an, was mir schon in Dänemark auffiel und sich jetzt nochmal bestätigte. Wenn man einmal davon absieht, daß einiges sehr heruntergekommen ist und allgemein die Stadt in einer Zeitschleife festzuhängen scheint, kann ich sogar gerade diesem Experimentiercharakter etwas abgewinnen. Man muß nur darauf vorbereitet sein, dann ist es wie eine Spielwiese der Fantasie. Und immerhin ist die Stadt als einheitliche Siedlung erst 150 Jahre alt und immer ein Konstrukt gewesen, zunächst als Kaiser- und Marinestadt, dann als Industrie- und Marinestandort. Wenn man das im Blickwinkel behält, dann wird ein Schuh draus.

Was die „Zeitschleife“ angeht, fiel mir folgendes auf: die Geschäfte, auch die Kiosks, sind noch dieselben wie vor 34 Jahren, sogar das elektronische Pferd neben einem der Kaufhäuser steht noch dort (es ist jetzt nur weiß, aber es ist derselbe Apparat), der Kiosk, neben dem ich als Vierjährige überlegte, lieber „in eine richtige Großstadt“ zu wollen, ist noch da, der Spielwarenladen mit dem großen Bären ist noch da und auch die Straßenlampen in der Blumenstraße, die ich als Kind so geliebt habe, stehen noch fest auf ihrem Platz.

Vor allem aber ist Wilhelmshaven eines: eine Meerstadt. Und eines steht fest: es liegt nicht zuletzt am Meer und an den damit verbundenen Funktionen dieser Stadt, daß ich dort geboren wurde. Einer meiner Urgroßväter mütterlicherseits war Schiffsbauer und kam deswegen nach Wilhelmshaven, mein Großvater väterlicherseits war Kapitän zur See, und so verschlug es ihn und seine Familie eine Zeit lang dort hin. So wurden auch mir meine Flügel bereits in die Wiege gelegt, und das Meer rief mir schon als Kind zu: du bist ein Kind der Reise.
Die ganze Region wird vom Wattenmeer umschlossen. Wilhelmshaven befindet sich daher direkt angebunden an den Nationalpark Wattenmeer.

Fortsetzung folgt!

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