SCHULD und RACHE (Novelle)

Novelle

„Rache regiert diese Welt, nicht Vergebung.“

Vieles ist eine Frage des Blickwinkels. Die Fische freuen sich über eine Sintflut. Doch der Mensch fürchtet sich vor den Wellen des Meeres. Die Angst zu ertrinken lähmt ihn, und so baut er sich Barrieren gegen das Hereinbrechende.
So war es auch mit uns. Nur waren wir das Meer, und nun hatten sie uns eingefangen. Zumindest meinen Körper. Auch wenn wir getrennt voneinander herumlaufen können und andere Entscheidungen treffen. Wir teilen doch dieselbe Seele, dieselbe Energie. Das war mein Verbrechen. Deswegen war ich hier.
Doch in Wirklichkeit brauchten sie uns für ihr Narrativ. Denn für eine Welt der Guten, der Reinen, brauchte man die Bösen, die Unreinen.

Ich kam zu mir und schlug, von Unwilligkeit durchdrungen, langsam die Augen auf. Eine lange Traumreise, auf die ich zurückblickte. Gerade war diese Anderwelt noch eine solide Welt gewesen, doch jetzt war die solide Welt wieder diese hier.
Es war für mich der Morgen eines neuen Tages. Am Abend zuvor war ich von ihnen eingeweiht worden, und die Informationen rieselten mit bestimmter Gemächlichkeit wieder in mein Bewußtsein.

„Das hier ist nicht die ganze Welt, Ariadne. Es ist nur ein Bereich.“

„Dein Verbrechen ist schwerwiegend. Du wirst nie Zutritt zur ganzen Welt haben.“

„Deine Seele ist unrein, weil du du bist.“

Ich versuchte, die Erinnerungen abzuwehren, doch Erinnerung läßt sich nicht unterdrücken. Sie bleibt, und sie ist unauslöschlich. Und so sah ich einfach dabei zu, wie sich der Erinnerungsfaden durch das Labyrinth meiner Bahnungen zog und Punkt um Punkt erhellte. Und all die verbundenen Punkte ergaben ein Bild. Ein Bild, das war, was es war.
Wenn man einmal weiß, daß man gefangen ist, dann kann man dieses Wissen nicht mehr fortwischen, so, als sei nichts geschehen. Aber bis dahin weiß man es nicht, auch wenn man es ist.
Seit gestern Abend wußte ich es.
Mein Verbrechen war gewesen, daß ich geboren worden war. Ich verstand nun durch und durch, was dies bedeutete. Denn ich durfte nicht sein. Und dennoch: ich war. Und jetzt wußte ich, ich war nicht frei.
Immer hatte ich gespürt, daß etwas nicht stimmte, mein ganzes Leben lang war ich auf der Suche nach dem Schlüssel zu diesem Schloß der Intuition gewesen. Und jetzt, da ich den Schlüssel in der Hand hielt, fühlte ich mich dennoch unvorbereitet, geschockt, paralysiert.

(Auszug)

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