Die unsichtbare Membran

Ich war immer der Ansicht, daß es sein Gutes hat, daß die Dinge vorbeigehen, sie sich verändern, daß alles dynamisch in Bewegung bleibt. Ich war aber auch immer der Ansicht, daß dieses Vorbeigehen und diese Realität der Veränderung ihren Wert erst dadurch erfährt, daß eine Person registriert, daß ein Voranschreiten stattfindet. Dieses Unaufhaltsame hat mich als Jugendliche bestürzt, es schien mir wie ein Fluß, der mich auf jeden Fall mitreißen und durch unendliche Variationen von Wassern ziehen würde, die nicht nur von mir berührt werden, sondern die auch mich berühren und deren Gehalt mich beeinflussen müßte. Infolge dieser Erkenntnis verstärkte ich meinen Bullshit-Filter, eine Magnetwand, an der das Magnetische in diesen elektrischen Feldern gegebenenfalls abprallen sollte, denn ich hatte mir als Kind ein Versprechen gemacht: ich würde immer ich bleiben und den Grundgeschmack meiner Essenz nie verlieren. Und so lernte ich mit den Gewässern, auf denen ich umherschipperte, auf meine Weise umzugehen, fühlte mich oft wie auf einem Felsen stehend, hinunterblickend zu den anderen in ihren Welt-Welten und akzeptierte, daß dies Teil meines Urzustands ist.

Wie die Welt nun geworden ist, darüber weinte ich bereits als kleines Kind. Ich mochte nicht, was ich da „nach vorne blickend“ sah, und Rückblicke waren mir verwehrt, weil das nicht en vogue war. Die Gegenwart war schön, ich mochte sie und ich mochte das Gefühl, das meine Seele mir vermittelte und spürte, daß da das Leben stattfand. Die Seele war der Ort des Geschehens, sie war auch das Gewässer, auf dem jeder durch diese Welt segelte und das doch so wenige mitbekamen. Und ich war mir sicher: meine Seele bestand aus Zweien. Deswegen sagte ich oft scherzhaft als Kind: ich bin zwei Tanks, gefüllt mit zwei Flüssigkeiten, die zusammenfließen durch eine unsichtbare Membran. Das ist das Wasser des Lebens, und es fließt immer weiter und weiter und weiter…

Um ehrlich zu sein, Nostalgie nach „rückwärts“ gewandt ist mir fremd. Ich würde in keiner der Zeiten, die hinter uns liegen, geboren worden sein wollen – außer vielleicht in der Zeit von Doggerland – weil ich den gängigen Illusionen über Vergangenheit nicht erliege. Genauso wenig reizt mich eine von jetzigen Systemen geprägte Zukunft. Wo ich gerne hin würde, das wäre eine ganz andere Welt, mit ganz anderen Lebewesen. Die Menschheit behagt mir nicht, und ich bin froh, daß sie nicht ewig sind. Daß wir in unserer jetzigen Form nicht ewig sind. Denn es gibt so viel Erstrebenswerteres als all das, was wir daraus machen. Aber zu vieles spricht gegen unsere Existenzform, wir können nicht einmal in der Natur sein, die uns hier beherbergt, ohne diese Natur zu zerstören. Und all das, weil den Menschen Liebe fehlt, die sie mit allem möglichen verwechseln, was sie stattdessen noch vergänglicher macht. Präkonzeptionen, Konflationen, Besitztumsideologien. Die Liebe steht über all dem, sie transzendiert das alles – aber wen interessiert das noch, in einer Zeit, in der die Vielen der Materie hinterherhechten, als könne sie den Hunger stillen, den die Liebe in sie hineintreibt? Die Liebe, die nur über diese unsichtbare Membran zu erfahren ist, die das Meer möglich macht und die doch Sicht erst ermöglicht…

Es interessiert mich nicht, wie die Vielen denken, wenn sie auf Materiejagd sind und sich in ihren Konflationsblasen einigeln. Mich interessiert nur diese unsichtbare Membran, das, was sie kann, denn sie kann was, und mich interessieren diejenigen, die diese Gewässer auch kennen. Und so stehe ich auf meinem Felsen und schaue auf die Welt-Welten und dieses Meer, das über Äonen und Äonen hin- und herschwappt…

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