Das Konzept der Sühne

Ein Freund von mir hat derzeit einen Hyperfokus auf das Thema „Sühne“ und fragte mich, wie ich das kategorisiere und was die Mechanismen der „Höllen“* seien.
Sühne wird thematisch in unserer Gesellschaftsform ausgegrenzt. Es paßt nicht ins Bild, daß Personen sich in ihrer Herangehensweise an das Denken, ihr Denken selbst, ändern können und das auch tun, wenn sie das „Rock Bottom“, wie die Engländer es bezeichnen, einer Hölle erleben und durch die Selbsterfahrung, die ein Höllenerlebnis auch bedeutet, zu sich und ihrem eigentlichen Wesen zurückkehren. Was einst falsch war, soll auch im Falschen bleiben, es soll keine Entwicklung erfahren, so wird es vorausgesetzt, um Hierarchien des maximalen Negativitäts- und Positivitätsspektrums zu einer fixen Skulptur erstarren zu lassen.
Das ist natürlich Blödsinn, denn so funktioniert das Lebendige nicht, und es gibt lediglich eine Regel: Wenn es lebt, bewegt es sich. Wenn es sich aber bewegt, dann verändert es sich auch. Es kann nicht konserviert werden.
Was „Sühne“ angeht, so hat das hiermit direkt zu tun. Was ist Sühne? Ein Mensch dominiert beispielsweise ein Gefüge, begreift dann, daß er oder sie in diesem Gefüge nie Eigentum gehabt hat, nur Bewegungsmacht, und sieht ein, daß die Motivation zu dominieren aus einem deplatzierten Fokus heraus entstand. Man sieht das oft bei Unternehmergefügen, das nur als Beispiel. Nun sieht diese Person ein, daß sie selbst in eine Denkfalle getappt ist, ihre ureigene, wirklich rückbezügliche Logik (und damit tatsächliche Empathie, nicht fokusgebundene Empathie – ein Unterschied) beginnt wieder, ein Faktor zu werden. Die Räder des Gewissens graben sich wieder frei, charakterbedingt natürlich auf unterschiedliche Arten und Weisen, und der Weg nach vorn ändert sich, während sich der Denkprozess verändert. Das ist Sühne, nichts anderes.
Sühne ist erstmal nicht materiell, sie basiert rein auf der intellektuellen Energie des mentalen Prozesses. Erst im Verlauf verändert sich dadurch auch der Umgang mit anderen und mit der Materie, wobei das bei den einen ein sehr langsamer, bei anderen ein sehr flotter Prozeß sein kann. Hierbei kommt es zum Ausgleich, was das Wort „Sühne“ letztlich auch implementiert, und wenn auch nicht zwingend zu Versöhnung mit anderen, dann doch in jedem Fall zu Akzeptanz der eigenen Situation. Der erste Schritt, um eine Hölle (eine selbstgeschaufelte Grube, in die man tatsächlich immer selbst hineinfällt) zu verlassen.
Das Wichtigste bei dieser Akzeptanz der Situation ist die Erkenntnis, daß jeder Involvierte frei bleibt. Hat man jemanden geschädigt, und er ist unversöhnlich, dann hat man das als schädigende Instanz zu akzeptieren. Die Freiheit liegt immer auf beiden Seiten. So liegt sie aber auch beim sich in Sühne befindenden Schädigenden, in Akzeptanz mit sich selbst zu gehen und nach vorn zu blicken. Auch das kann der Geschädigte nicht verhindern, er würde sich im Übrigen dabei nur selbst schaden und müßte dann selbst wieder sühnen (das bedeutet: Balance anstreben), wodurch ein negativer Kreislauf entsteht, der auf lange Sicht keinen Sinn macht (unlogisch ist). Gleichzeitig nützt es keinem Schädigenden, wenn der Geschädigte ihm verzeiht, er sich selbst aber nicht als das akzeptiert, was er ist. Dann bleibt er in seiner Grube. Deswegen gelten hier die Pfeiler der Selbstbalance (=Sühne), im weiteren Schritt führt diese so oder so zur Veränderung des Gesamtgefüges.
Was man vielleicht am ehesten begreifen muß, ist die Tatsache, daß es deplatziertes und korrekt platziertes „Schuldempfinden“ gibt. Daß beide, der Unschuldige (Geschädigter) und der Schuldige (Schädigender), durch dieselbe Hölle gehen müssen, wenn sie sich darin befinden und daß in beiden Fällen nur die Mechanismen der Akzeptanz der Realität eine Veränderung bewirken. Nur sehen die jeweiligen Realitäten unterschiedlich aus, beim Unschuldigen ist das Unschuldige das, was nicht von ihm selbst geglaubt wird, er fühlt, er habe Schaden verursacht, was er in Wahrheit nicht hat, was zu allen möglichen Komplikationen im weiteren Gefügeverlauf führt. Der Schuldige wiederum sieht sein schädigendes Verhalten nicht ein, weil er die nötige Brille dafür abgelegt hat oder nie anhatte, was auch zu allen möglichen Komplikationen führt. Erst die Einsicht führt in beiden Fällen zu tatsächlichen Harmoniemöglichkeiten. Und um zu dieser Einsicht zu kommen, braucht es Erfahrung, zum Teil eben die „Höllenerfahrung“, damit überhaupt eine Relation zu sich selbst wieder aufgebaut werden kann.

*Hölle = (Maximales) Negativitätsspektrum (hat viele Gesichter)

Licht, Schatten und Reflexion

4 Gedanken zu “Das Konzept der Sühne

  1. Stefan Wegerhoff

    Diesen Selbstregulationszyklus kaufe ich auch und sehe ihn als fundamental wichtig, damit sich Ungleichgewicht schaffende Strukturen wieder in Balance bringen oder zerbrechen können.
    Dennoch scheint es Fixpunkte in der Bewegung zu geben, die Strukturen erschaffen, die ein Interesse verfolgen, das eine starke Inbalance erzeugt, im gleichen Moment aber auch die Welt so stark verzerrt, dass es balanciert scheint.
    Diese Fixpunkte sind Menschen, die keine Wahrnehmung für Schuld haben. Diese sind mit dem Höllenkonzept aus meiner Sicht nicht erreichbar, bzw. können gut eine leiten. Dabei ist es für sie keine Hölle, sondern ein Spielplatz. Dieser Glitsch in der Matrix erschließt sich mir noch nicht.

    1. Danke für die Weiterführung des Gedankens. Tatsächlich sehe ich da keinen Glitch in der Matrix, sondern ich sehe das als etwas Danebenstehendes. Wenn ich einmal den Spruch „des einen Hölle ist des anderen Himmel“ einwerfe, wird das vielleicht klarer.
      Sühne ist kein Mechanismus, Menschen in ein bestimmtes „gutes Muster“ gleichzuschalten, sondern die Verständnisebenen aller Leute befinden sich ständig individuell in anderen Wachstumsmodi, und das findet alles parallel statt. Evolution verläuft nicht linear, sondern sozusagen bandbreitentechnisch nebeneinander ab. Vor allem endet sie nie, sondern sie ist ein kontinuierlicher Prozeß. Das bedeutet, daß alles gleichzeitig nebeneinandersteht und dabei komplett unterschiedlich sein kann.
      Wenn ich individuelle Personen mit einer individuellen Frequenzmischung, einer Art individuellen Ladung, kategorisieren würde, dann wären sie wie eine lange Abfolge von Radiofrequenzen auf vermutlich sogar verschiedenen Bandbreiten angesiedelt, die aber alle hier auf einem Fleck zusammenkommen. Da stehen dann Charaktere nebeneinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Trotzdem ist das kein Glitch, sondern eher eine Art Problem, das da sehr Unterschiedliches aufeinanderprallt und sich hier die verschiedensten Muster an Hierarchien und Vorstellungen im Miteinander abzeichnen.
      Dazu gehört auch, daß nicht jeder, der Dinge begreift, Dinge auf dieselbe Weise angeht, und hier spielt dann das Thema „Trieb“ eine Rolle, also die Frage, was treibt das Individuum an und warum agiert jemand, wie er agiert. Wie bewußt ist er sich über die einzelnen Zweige seines Baumes, wie bewußt über die Zweige anderer Bäume etc. Das ist ja nicht gesagt, daß jemand sich bewußt über ALLES ist, was ihn angeht, wenn ihm für bestimmte Perspektiven einfach zu gewissen Zeiten die entsprechende Brille fehlt. Der leitet dann mehr oder weniger glücklich eine Hölle, verrennt sich möglicherweise auch total darin, und der kriegt das erstmal gar nicht mit. Tatsächlich kann das dann wie ein Spielplatz für diese Person erscheinen, wobei ich behaupten will, daß gerade jemand, der derart agiert, seine Handlungsentscheidungen besonders ernst nimmt und den Spielplatzaspekt nicht wirklich im Blick hat. Es sind besonders die Angelegenheiten, die man ernst nimmt, die man für besonders wichtig hält und besonders ehrgeizig verfolgt, nicht wahr? Und gerade mit dieser Haltung verrennt man sich. Deswegen haben die Götter auch Humor, so sagt man… (Aber haben sie den? Ha!)

  2. Stefan Wegerhoff

    Insofern mein Zugang glücklich gewählt ist, ist das eine valide Perspektive, dies Ausreißer zu sehen.
    Ich denke, dass bei mir da eine Erwartungshaltung mit drin steckt. die zwar zum Teil erfüllt wird, aber nicht essenziell ist. Die Auflösung von Strukturen, die zu globalen Monopolbildung führen oder kleine Spielplätze für Wenige, aber die Hölle für eine mundtote Gruppe darstellen. Während des Schreibens schüttel ich den Kopf über meine Fehlannahme.
    Wir halten also fest, dass es eine Tendenz zum Ausgleich und damit zur Sühne gibt und diese mit fortschreitendem Aufbau von Spannungen und Zeit zunehmend zum Tragen kommt. Damit tritt über einen beliebigen aber endlichen Zeitraum für eine jede Leitung einer Hölle der Prozess der Sühne ein. Das bedeutet im Unkehrschluss, dass einie Strukturen bis ans Ende der Zivilisation existieren oder ihren Untergang auslösen können. Ist ziemich ernüchternd … vielleicht sollte ich auch eine aufmachen. Kommt zu uns, wir haben Massageliegen!

    1. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich Dich insgesamt recht verstehe, gehe aber der Annahme, daß Du Deine Erkenntnis stark pauschalisierst. Ich habe ja oben kein Ultimatum der Evolution beschrieben, sondern die Mechanismen, die ich in der psychologischen Evolution von menschlichem Gewissen gekoppelt an Bewußtsein und Unterbewußtsein sehe.
      Diese Dreiheit an sich ist sehr potent, da das Gewissen hier nicht direkt an das Bewußtsein gekoppelt ist, d.h. da man beides unabhängig voneinander bewegen kann. Man kann beispielsweise begreifen, daß etwas falsch ist und trotzdem die falsche Entscheidung weiter verfolgen – siehst Du die Entkopplung in diesem Fall? Gleichzeitig ist wohl unbestreitbar, daß die meisten Menschen nicht sehr bewußt an ihr Unterbewußtsein herangehen und damit auch nicht sonderlich bewußt in Verbindung stehen; daher heißt es Unterbewußtsein. Diese dritte Instanz ist also auch entkoppelt von den anderen beiden.
      Es ist also nicht nur eine natürliche Eigenschaft des Menschen, anders als der jeweils andere Mensch zu sein, sondern auch andere Herangehensweisen zu pflegen. Zugrunde liegen hier verschiedene Manövrierfreiheiten, die Voraussetzung im weiteren Verlauf für die merkwürdigen Ausformungen verschiedenster sozialer Gestaltungen werden. Hierzu gehören nicht nur unbewußte Fehler, die Menschen machen, sondern auch die Fähigkeit – und das ist eine Fähigkeit – bewußt falsche Entscheidungen zu treffen. Wiederum ist hierbei nicht gesagt, ob dieses „Falsch“ im Verlauf „falsch“ bleiben muß. Es ist ja auch nicht falsch, auf der linken Straßenseite zu überholen, und es wäre sogar eine Zumutung, zwei Stunden hinter einem Trekker herzugurken und dabei alle anderen dazu zu zwingen, dies auch zu tun. Trotzdem ist in unserem Land das Fahren auf der linken Spur generell eine Gefahr für den Gegenverkehr, und in Frage steht also, wie achtsam man herumbrettert. Es spricht wohl auch nichts dagegen, herumzubrettern, solange man niemand anderen gefährdet.
      Übertrage ich diese einfach Logik auf Gruppen- und gar Kultbildung (denn Unternehmensstrukturen gleichen nicht selten gewissermaßen letzterem, und damit kommen wir zu Deiner Höllen- und Sühnethematik), so wird klar, daß das Zusammenspiel immer problematisch sein wird, wenn mehr als zwei Leute aufeinandertreffen, also Gruppenbildung eine Rolle spielt, gerade weil die Bewußtseinsmechanismen entkoppelt sind.
      In Frage steht, was passieren würde, kämen sie zusammen und wären nicht mehr entkoppelt. Man stelle sich einen Raum vor, der zu dem wird, was man ist und der in direkter und instanter Wechselbeziehung zur eigenen Einstellung stünde. Ich sehe, wie ab da eine echte Hölle in Kraft tritt, die so schnell so viel Scheiß produzieren kann, daß nicht einmal der Produzent Freude an seinem Schaffen hat. Die absolute und direkteste Konfrontation mit der eigenen Schlechtheit. Da kann man sich selbst nicht ausweichen, ein Ausweichen, was ja bei Entkopplung des Gewissens durchaus möglich ist und angewandt wird. „Höllenleiter“ weichen sich selbst so effektiv aus, daß sie von sich selbst keine Reflexion abbekommen, und deswegen machen sie auch einfach weiter. Ich nenne das Blindheit.
      Als Mensch erlebt man eine solche echte, „ideale“ Hölle so aber nicht, weil hier der Raum nicht an die Wesenheit derart gekoppelt ist. Hier können Menschen ihre Rollen verlieren, was dazu führen kann, daß sie erst einmal tief im sozialen Gefüge fallen oder abhängig von Substanzen werden etc. (aber letzteres beginnt meist doch „oben“, nicht „unten“, in so einem Fall, um den „Druck auszugleichen“). Jedoch ist das etwas ganz anderes, als wenn man in einem Raum festhängt, der einem sich selbst permanent zurückspiegelt.
      Im Übrigen versuchen Psychopathen und Narzissten ja generell, eine solche Spiegelung ihres Selbst künstlich durch die Gefüge hervorzurufen, die sie hier aufbauen, indem sie sich selbst auf alle Involvierten draufstülpen und somit eine Art Clone Armee von sich selbst produzieren (wollen). Aber dies, also diese selbsterzeugte Art von Spiegelung, wiederum weckt den jeweiligen „Höllenleiter“ nicht auf. Während eine echte Reflexion dazu führen würde, daß das innere deplatzierte Bild (eine Falschheit in dem Fall) zerstört würde und die Person eine Art Kollaps (der psychischen Deplatzierungen) erfahren würde. Gelegentlich passiert das hier zwar, ist aber nicht die Norm, denn sonst wären die Strukturen allgemein (global) wohl sozialer. Allgemein würde ich sagen, daß ein solcher Psychopath nicht liebt, sondern lediglich dem Selbsterhaltungstrieb frönt, womit er sich vor sich selbst verdeckt, was bedeutet, daß er nicht nur seinem Selbsterhalt frönt, sondern auch dem Erhalt seiner Methoden, mit denen er sonst psychisch vielleicht nicht d’accord wäre. Und dann müßte er sich ja ändern. Also deckelt er das mehr oder weniger bewußt zu. Macht ihm seine Situation Spaß, macht er das ganz bewußt. Und ab da schaltet er sein Gewissen aus, was ich weiter oben beschrieb.
      Ich bezweifle, daß Du wirklich ein „Höllenleiter“ werden willst. Ob Du Dich in die Rolle verrennen würdest, kann ich nicht sagen, meines Erachtens kann das jeder, und man sollte nicht so arrogant sein, zu glauben, man selbst sei ultimativ gut, denn das ist eine gute Voraussetzung für einen Höllenritt. Aber so, wie ich Deine Motivationen einschätze, würdest Du höchstens in Höllen herumturnen, um dort neue Erkenntnisse zu finden – und ansonsten würde Dir schnell langweilig werden, denn Höllen sind ja ultra-mechanisch, sie bringen kein Leben hervor, sind also eher Orte, an denen isoliert und stagniert wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s