Im Neandertal

Mettmann, 9. August 2020

Mit einem Freund besuchte ich neulich das Neandertal, um einmal an unsere Verwandten von vor 40.000 Jahren anzuknüpfen. Der folgende Gedanke war an diesem Tag für mich prävalent, weil mir im Neandertal-Museum auffiel, daß keine der Neandertalerpuppen frisiert oder gar rituell-modisch gekleidet war, sondern alle in simplen Fetzen herumstanden, wenn sie nicht zu Kontrastzwecken in moderne Kleidung unserer Zeit gesteckt worden waren:

„Als ob Neandertaler nur pragmatisch Fetzen übergezogen hätten. Die Neandertaler waren schön. Sie werden sich auch gern schön angezogen und frisiert haben. Außerdem werden sie auch mystisch unterwegs gewesen sein, Intelligenz und Sexualität sind dafür die Grundlage. Und das bewirkt immer Mode. Einen Neandertaler in einen Anzug zu stecken wäre für diese wunderbaren Menschen eine Beleidigung. Die jetzige Zeit ist armselig in ihrer Imagination über vergangene Zeiten und stülpt ihre leerstehenden Konzeptionen über andere Zeiten und andere Menschen, für die den meisten die Vorstellungskraft fehlt.“

Andererseits fand ich die Puppen selbst, was Haut, Haare und Gesichter anging, sehr gelungen konstruiert. Da die Wissenschaft mittlerweile allerdings unter anderem zu dem Schluß gekommen ist, daß Neandertaler künstlerisch ambitioniert waren, scheint es mir unwahrscheinlich, daß sie nur in unbemalten und unbestickten Fetzen wandelten. Wenn sie ihre Kleidung beispielsweise zusammennähen konnten, dann konnten sie auch sticken und bemalen. Ohne diese Attribute wäre es vermutlich auch unwahrscheinlich gewesen, daß einige Homo Sapiens Vertreter unserer Gattung Neandertalerbräute und -kerle so heiß gefunden hätten, daß sie sie eingekreuzt hätten – was sie aber ja haben. Zu argumentieren, daß es sich hierbei nur und allein um territoriale Paarungen, immer ohne positiven Emotionsgehalt, gehandelt hätte, finde ich nicht sonderlich schlüssig, und ich frage mich, ob da der derzeitige Homo Sapiens nicht lediglich in seine übliche fantasielose, anderen Lebewesen gegenüber abschätzige, arrogante Haltungsfalle tappt.

„Die müssen zwangsweise schlecht entwickelt gewesen sein!“
Vielleicht waren sie nur anders entwickelt…

Auf den weitläufigen schönen Weiden auf der Anhöhe des Rundweges habe ich dort zudem mit einer asiatischen Bambusrohrflöte für ein altes Eiszeit-Wisent bei Sonnenuntergang in der Wildnis geflötet, und das Tier und ich bauten dabei spürbar Kontakt auf. Es bedankte sich mit einem Hufscharren, was ich als sehr rührend empfand. Musik wird von allen drei irdischen Wesenheiten, Pflanzen, Tieren und Mensch, sehr geschätzt und verbindet uns alle, und es ist immer wunderschön, das, egal auf welche Weise, zu erfahren.

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